Elena Wilhelm. Bern: Haupt-Verlag, 2005.

Eine Studie, die sich der Entstehungsgeschichte der modernen Jugendfürsorge widmet.
Die vorliegende Dissertation von Elena Wilhelm weckt hohe Erwartungen. Im Umschlagtext empfiehlt sie der renommierte Pädagogikprofessor Walter Hornstein als Arbeit, die "vergleichbare vorausgegangene Bemühungen sowohl in der Differenziertheit der Argumentation wie auch in der Reichweite der eröffneten Perspektiven weit hinter sich" lässt.
Um was geht es? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich in der Schweiz das Fürsorge- und Vormundschaftswesen zu professionalisieren. Amtsvormundschaften wurden geschaffen. Inspektionsgehilfinnen durchleuchteten Familien auf ihre Fähigkeit hin, Kinder zu rechtschaffenen Menschen zu erziehen. Das Schweizerische Zivilgesetzbuch wurde in Kraft gesetzt. Die Chiffre "Verwahrlosung" begründete staatliche Interventionen in Familien, die nicht der bürgerlichen Norm entsprachen. Sowohl das heutige Vormundschaftswesen wie auch das Interventionsinstrumentarium des heutigen Jugendstrafrechtes basieren weitgehend auf den Gesetzesgrundlagen und Weichenstellungen jener Zeit.
Elena Wilhelm untersucht die Entwicklung des Vormundschafts- und Fürsorgewesens an Hand von sieben exemplarischen Fallgeschichten (die dem Leser im Volltext auf einer beiliegenden CD-ROM zugänglich sind). Ziel der Arbeit ist es, ein Verständnis dafür zu gewinnen, wie das heutige Denken in der Sozialen Arbeit entstanden ist. An Hand einer geschichtstheoretischen Rekonstruktion will die Autorin bewusst machen, dass Soziale Arbeit etwas "Gewordenes" ist. Die Gefahr der heutigen Geschichtsschreibung bezüglich Sozialer Arbeit sei es nämlich, dass Ausschlussmechanismen, Zwang, Entsubjektivierung, Macht und Kontrolle gerne tabuisiert werden und die Soziale Arbeit als reine Berufspraxis begründet werde. So verkomme unter anderem der vielgelobte Begriff der "stellvertretenden Deutung" zu einem "Mythos sozialpädagogischer Genialität", der lediglich die Illusion nähre, der Frage nach der Norm und der Macht entkommen zu sein. Elena Wilhelm bedient sich in ihrer Arbeit der Methode der "Ereignishaftigkeitsprüfung", einer Vorgehensweise, die der Philosoph Michel Foucault
(1926-1984) beschrieben hat. Bei dieser Methode wird versucht zu entziffern, was genau bestimmte Praktiken tun und welche Kräfteverhältnisse dabei wirken. Ein lohnenswertes Vorgehen, wie die vorliegende Arbeit zeigt.
Zum Aufbau des Buches:
Nach zwei einleitenden Kapiteln zur Ausgangslage und zur Methodik (Kapitel 1-2) folgt ein Überblick zur historischen Entwicklung (3). Hier zeigt sich, wie sich die Vorstellung von Armut als individuellem Schicksal (18. Jhdt.) über die Problematik der Massenarmut als sozialer Frage (19. Jhdt.) zur Vorstellung vom Sozialstaat entwickelt hat, der als Verknüpfung von Pädagogik, Psychiatrie und Justiz den gesellschaftlichen Forschritt garantiert (20. Jhdt.).
Spannend ist dabei zu verfolgen (Kapitel 4-5), wie sich der Blick des Staates im Laufe der Zeit von den kriminellen Jugendlichen hin zu den "gefährdeten" Jugendlichen wendet und die beiden Kategorien gefährlich und gefährdet zu einer neuen Chiffre verschmelzen: dem "verwahrlosten
Jugendlichen".
Diese Jugendlichen geraten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Fokus einer neuen Berufsgruppe (Amtsvormund, Inspektionsgehilfinnen, Sozialhelfer). Sie werden beobachtet, klassifiziert und anschliessend "behandelt" - meistens, indem sie aus der Familie genommen und "fremdplatziert" werden. In Bauernfamilien, Gewerbehaushalten oder Erziehungsheimen sollen sie zurück auf den rechten Weg finden. Um diese Arbeit zu erledigen, entsteht ein neuer Berufskomplex (Kapitel 6-7) "Amtsvormundschaft und Jugendfürsorge", der im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts explosionsartig wächst. Nach anfänglichen Abgrenzungsproblemen zu bestehenden Institutionen wie der Armenpflege professionalisiert sich die neue Institution mittels Zentralisierung, Verstaatlichung und Bürokratisierung. Interessant ist, dass sich trotzdem keine einheitliche Ausbildung für die neuen Berufe durchsetzen kann. Das Berufsfeld bleibt eine sekundäre Profession mit Angestellten aus den Bereichen Justiz, Medizin, Verwaltung ... eher selten aus dem Bereich der Pädagogik. Der Versuch, eine universitäre Ausbildung zu schaffen, scheiterte.
Die folgenden drei Kapitel (Kapitel 8-10) widmen sich nun den oben genannten sieben exemplarischen Falldossiers, welche die Autorin akribisch untersucht. Neben der bewegenden Tragik, die uns aus den Fallschilderungen entgegenkommt, überrascht das Vorgehen der Fürsorgeprofis in vielen Fällen: nachdem viel Energie in Beobachtungen und allenfalls medizinische Abklärungen gesteckt worden sind, findet sich selten ein fundiert begründeter Entscheid für eine Massnahme. Verständlich daher, dass die Interventionen teilweise erbitterten Widerstand bei den Betroffenen (Eltern und Jugendlichen) provozierten. Hier spielte jedoch der staatliche Machtapparat meist unerbittlich: wer als liederlich, verwahrlost, milieugeschädigt oder moralisch-defekt befunden worden war, hatte sich den Anordnungen der Behörden zu fügen. Wer die aus der gleichen Zeit stammenden Kriminalgeschichten von Friedrich Glauser
kennt (Matto regiert; Schlumpf Erwin Mord u.a.), fühlt sich bei der Lektüre der Falldossiers oft in dessen Welt der "Irrenanstalten" versetzt.
Im letzten Kapitel ihres Buches (Kapitel 11) beschreibt Elena Wilhelm, wie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Armut negativ an eine moralische Überwachung koppelt. Die Familie wird zu einem "Instrument" der Regierung zur Lenkung der Bevölkerung. Die bisherige Disziplinarmacht Staat wird zu einer Regulationsmacht, die präventiv wirkt und nicht nur dann eingreift, wenn Regeln gebrochen werden. Mit Michel Foucault empfiehlt Wilhelm das Konzept der "Gouvernementalité" als Denkmodell für eine Theorie der Sozialpädagogik. Die "Gouvernementalité" umfasst das gesamte System von Institutionen und Praktiken, mit denen Menschen gelenkt werden. Sozialpädagogik sei ebenfalls eine solche Lenkungsform ... ganz im Gegensatz zur romantischen Vorstellung, dass sich diese von staatlicher oder gesellschaftlicher Vereinnahmung abgrenzen könne.
Fazit:
Wieso lohnt es sich (auch als Praktiker in der Jugendarbeit) diese Dissertation zu lesen und sich stellenweise durch einen anstrengenden wissenschaftlichen Diskurs zu kämpfen? Zum einen sicher deshalb, weil die (1) Frage der Begründbarkeit der Sozialen Arbeit auch in der Praxis ein Dauerbrenner ist ... der von Berufskollegen nur allzu oft mit einem ärgerlichen Stirnrunzeln vom Tisch gewischt wird. Doch allein der gute Wille macht noch keine professionelle Arbeit. Es ist in unserem Beruf schlichtweg unabdingbar, sich Fragen zum "Warum?" der eigenen Profession zu stellen.
Zum anderen weil die (2) Lektüre des vorliegenden Buches ganz einfach spannend ist. So provoziert sie unzählige Aha-Erlebnisse, aber auch immer wieder ein leichtes Sträuben der Nackenhaare. Ersteres, weil dem Leser klarer wird, wieso die aktuelle Soziale Arbeit so funktioniert, wie sie funktioniert ... mit ihren Mängeln im Ausbildungsbereich, mit ihrer umstrittenen Qualitätssicherung, mit ihrer Verflechtung zu gesellschaftlichen Befindlichkeiten, mit ihren Abgrenzungsproblemen zu anderen Berufsfeldern usw. Zweiteres, weil uns Elena Wilhelm in ihrer historischen Rückschau auch in die Abgründe unseres Berufs führt. Automatisch zieht man während des Lesens Parallelen zur heutigen Zeit. Vokabular (liederlich, debil, sittlich-verwahrlost...) und beanstandete Laster (Kino-Fieber, Fussballrausch...) haben sich geändert ... Methoden und Beweggründe für Interventionen blieben zum Teil dieselben.
Erstaunlich übrigens: Elena Wilhelm verzichtet vollständig auf das Ziehen von Parallelen zur Gegenwart und enthält sich jeglicher Schuldzuweisungen an die damaligen Akteure. Als gewissenhafte Historikerin zeigt sie eine vergangene Epoche. Die Lehren aus der Geschichte muss der Leser, die Leserin selber ziehen. Das ist angenehm und regt zu eigenem Denken an.
Neben dem eigentlichen Text der Dissertation auf rund 300 Seiten enthält das Buch eine Fülle von Materialien in einem ausführlichen Anhang. Dieser ergibt genügend Stoff für weitere Untersuchungen zu diesem Thema, enthält aber auch Fundstücke wie Meinrad Lienerts Weihnachtspredigt von 1904 oder Essentials wie Auszüge aus dem ZGB.
Ein gelungenes und lesenswertes Buch. Die im Umschlagtext geweckten - zugegebenermassen hohen - Erwartungen werden m.E. dennoch nicht erfüllt. Das Buch liefert keine Antworten zur "Klärung der sozialpädagogischen Aufgabe". Ein (auch stilistisch) ziemlich abruptes Ende des Buches auf Seite 285 hinterlässt eine gewisse Ratlosigkeit beim interessierten Leser. Die Autorin hat viele Fragen aufgeworfen, aber kaum eine Frage beantwortet. Martin Winkler, der die Dissertation betreuende Professor, schreibt zum Buch: "Die Sozialpädagogik wird sich an ihrer Untersuchung abarbeiten müssen." Ein wahres Wort. Elena Wilhelm hat hier eine archäologische Grabungsstätte geöffnet, deren Fundstücke mehrheitlich uninterpretiert bleiben. Als Leser hätte man sich weitere Hinweise gewünscht, in welche Richtung die Interpretation gehen könnte. Oder wenigstens einen thesenartig formulierten Katalog der offenen Fragen am Ende des Buches.
So bleibt der Praktiker, der auch in die Gegenwart und Zukunft des Berufsfeldes Sozialpädagogik blickt, mit einem historischen Stoff zurück, der spannend ist und Fragen bezüglich der heutigen Interpretation des eigenen Berufs aufwirft. Was aber ist jetzt zu tun? Die Gefahr besteht, dass viele Praktiker diese Leere auch weiterhin mit dem obengenannten "ärgerlichen Stirnrunzeln" vertuschen und sich lieber nicht zu stark mit grundlegenden Fragen der sozialpädagogischen Aufgabe beschäftigen.
Lesenswert, aber anspruchsvolle Lektüre für Praktiker, die sich in ihrer Berufspraxis gerne hinterfragen lassen und sich für geschichtliche Aspekte ihrer Profession interessieren. Pflichtlektüre für Dozenten und Wissenschaftler im Bereich der Sozialen Arbeit.
Das ist ein Text mit direkten Links zum Internetlexikon Wikipedia. Realisiert mit Gollum, dem Wikipedia-Browser.Peter Marti, Februar 2006.