Miryam Eser Davolio. Paul Haupt Verlag, 2001.

Ein insgesamt nicht überzeugendes Buch, das jedoch in einzelnen Abschnitten zum Nachdenken über die Sprachenvielfalt und den schulischen Umgang mit dieser Tatsache anregt.
Über 33 Prozent der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer haben mehr als 1/3 fremdsprachige Kinder in ihren Klassen. Grund genug, sich mit dem Thema «Fremde Sprachen in unseren Schulen» zu befassen. Das vorliegende Buch will zeigen, dass es Schulen möglich ist, sich der Herausforderung der Sprachen- und Kulturenvielfalt zu stellen. Es befasst sich nicht nur mit der migrationsbedingten Sprachenvielfalt, sondern auch mit dem Fremdsprachenlernen an der Schule. Diese Doppelspurigkeit war nicht unbedingt ein konzeptionell weiser Entscheid. Es sind nämlich zwei unterschiedliche Paar Schuhe, ob man den Englisch- oder Spanischunterricht betrachtet oder ob man sich den Problemen von Kindern annimmt, die Mühe mit der deutschen Unterrichtssprache haben. Diese konzeptionelle Schwäche zieht sich durch das ganze Buch und trägt zusammen mit anderen Ärgernissen dazu bei, dass "Viele Sprachen - eine Schule" nicht überzeugt.
Inhalt
In einem ersten Kapitel nennt Autorin Miryam Eser Davolio allgemeine Voraussetzungen für den Schulerfolg von Kindern und Jugendlichen. Richtigerweise werden hier "Selbstvertrauen" und "Frustrationstoleranz" als Hauptfaktoren genannt. Grossen Einfluss darauf, ob einem Kind Schulerfolg vergönnt ist oder nicht, haben die Eltern. Im zweiten Kapitel wird hierzu nachgedoppelt. Es geht um Kinder, die in fremdsprachigen Familien aufwachsen und deshalb zwei- oder mehrsprachig sind. Entgegen einem verbreiteten Vorurteil hat nicht die Mehrsprachigkeit einen Einfluss darauf, ob das Kind "gut" oder "schlecht" in der Schule ist, sondern die soziale Schicht, bzw. die Bildungsnähe/-ferne der Familie. Spannend zu lesen sind die von der Autorin vorgestellten europäischen Projekte zur Integration fremdsprachiger Kinder in der Schule. Manch eines enthält Ansätze, die auch für die Arbeit an unseren Schulen übernommen werden könnten.
Das dritte Kapitel befasst sich mit dem sogenannten Immersionslernen, einer besonderen Form des Fremdsprachenlernens, die hierzulande schon verschiedentlich angewendet wird. So wird in manchen deutschsprachigen Schulen zum Beispiel Sportunterricht in Englisch erteilt. Diese Unterrichtsform hat zu vielen positiven Resultaten geführt.
Die folgenden drei Kapitel des Buches stammen nicht von der Autorin selber, sondern von drei Gastautoren. Im vierten Kapitel plädiert Heinz Rhyn für einen sachlichen Umgang mit dem Thema "fremdsprachige Kinder in unseren Schulen". Im fünften Kapitel (m. E. dem besten und spannendsten Kapitel des ganzen Buches) äussert sich Urs Moser zum Lernerfolg von fremdsprachigen Kindern. Cristina Allemann-Ghionda schliesslich behandelt im sechsten Kapitel die Frage, welche Auswirkungen die Mehrsprachigkeit in den Schulklassen auf die Lehrerbildung hat. Auch dieses Kapitel gefällt durch Klarheit in Aufbau und Inhalt.
Ein siebtes Kapitel, nun wieder von der Hauptautorin verfasst, widmet sich dem Thema "Gewalt in der Schule". Oft werden fremdsprachige Kinder ja als Faktoren für ein schlechtes Schulklima genannt. Die Autorin widerspricht dieser These und meint, dass Gewalttätigkeit keine Folge von Mentalität, ist sondern aus einem Defizit an Selbstregulierung und Integrationskraft der einzelnen Kinder und Jugendlichen resultiert.
Die beiden Schlusskapitel acht und neun widmen sich grundsätzlichen Fragen bezüglich Separation oder Integration und einem Ausblick.
Das vorliegende Buch als Ganzes ist meines Erachtens missglückt. Dafür sind mehrere Gründe ausschlaggebend. Wichtigster Aspekt ist die Konzeptlosigkeit, die sich vor allem bei der Aufnahme der drei Kapitel von Gastautoren zeigt. Hier kommt vieles vor, was bereits in der drei ersten Kapiteln genannt wurde oder in den drei letzten Kapiteln nochmals besprochen wird. Der Leser, der sich von A bis Z durch die Seiten arbeitet, fragt sich immer wieder "habe ich das nicht schon einmal gelesen?". Etwas überspitzt gesagt, fassen die zwei Kapitel von Urs Moser und Cristina Allemann-Ghionda die wesentlichen Punkte des ganzen Buches zusammen und erübrigen so einen grossen Teil der restlichen Lektüre.
Richtiggehend ärgerlich in den sechs Kapiteln der Hauptautorin Miryam Eser Davolio sind die vielen undifferenzierte Aussagen zur heutigen Schule, sowie nicht wissenschaftlich belegte Allgemeinplätze und nichtverifizierte Hinweise auf "empirische Untersuchungen". Erstere bezeichnen zum Beispiel die heutige Schule als "lehrerorientiert", "konkurrenzierend" und "vergangenheitsbezogen" und stellen dem das Bild einer "schönen neuenSchule" gegenüber, die "schülerorientiert", "kooperierend" und "zukunftsbezogen" sei. Hier spielen m. E. Feindbilder im Denken der Autorin die grössere Rolle, als die tatsächliche Situation in unseren Schulen. Zu den Allgemeinplätzen gehören Aussagen, wie die Forderung "die Quote der Gymnasiasten in der Deutschschweiz zu erhöhen" (S.39), ohne sich zu fragen, wieso das denn ethisch besser sein soll, als eine kleine Gymnasialquote und eine gute Berufsbildung.
Während die undifferenzierten Aussagen und Allgemeinplätze möglicherweise dem Engagement anzulasten sind, das die Autorin in Bezug auf ihr Thema an den Tag legt, wirken die immer wieder erwähnten, aber nicht genauer erklärten, "Untersuchungen", welche die Thesen der Autorin belegen sollen, im Buch einer Fachfrau sehr unprofessionell. "Amerikanische Studien" beweisen so vieles und auch das Gegenteil, wie der interessierte Laie weiss. Zudem kommt es bei solchen Studien sehr auf das Setting (Anzahl Befragte, Jahr der Befragung, Ort der Befragung...) an, um wirklich Rückschlüsse ziehen zu können. Frisch fröhlich werden im vorliegenden Buch aber Studien aus den letzten vierzig Jahren aus allen möglichen Industrieländern angeführt, um die Aussagen der Autorin zu stützen. Manchmal wird mittels einer Fussnote auf eine Quelle verwiesen, ab und zu wird dies aber auch "vergessen". So verlieren wirklich aussagekräftige schweizerische Untersuchungen aus den letzten zehn Jahren an Gewicht. Sie würden interessieren und helfen, Wege für unser Land zu finden, mit der multikulturellen Situation an den Schulen umzugehen.
Das Gesamturteil zum Buch kann aus obengenannten Gründen nicht positiv ausfallen. Zwar sind die vielen Gedankenanstösse, die sich bei der Lektüre bieten, durchwegs anregend und ermuntern zum Weiterdenken an diesem Thema. Doch für ein Buch, das über "die Situation von multikulturellen Schulklassen und neuen Schulmodellen" informieren will und die "heutige Forschung auf verständliche Weise" vermitteln will (so der Umschlagtext), sind blosse "Denkanstösse" zu wenig. Ein klareres Konzept, ein kritischeres Lektorat und mehr "Wissenschaftlichkeit" als "Engagement" hätten diesem Buch gut getan. Schade, denn das Thema wird aktuell bleiben und uns in den kommenden Jahren stärker als je beschäftigen.
Peter Marti, Oktober 2001.