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Systemorientierte Sozialpädagogik.

René Simmen. Gabriele Buss. Astrid Hassler. Stephan Immoos. Paul Haupt Verlag, 2003.


Ein Buch für die Praxis des sozialpädagogischen Alltages, das leider nicht in allen Belangen überzeugt.

Wie überwindet man den Person-Situation-Dualismus in der sozialen Arbeit mit Menschen? Diese Grundfrage aller Praktiker steht im Hintergrund des systemorientierten Ansatzes der Sozialpädagogik. Er beleuchtet einerseits die innere Organisation eines Systems (z.B. Familie, Heim), andererseits das Verhältnis des Systems zur Umwelt. Das systemische Denken befriedigt damit ein Grundbedürfnis sozialen Engagements: Menschen zu helfen und gleichzeitig auf unzureichende Umweltbedingungen Einfluss zu nehmen.

Systemorientierte Ansätze sind im Trend. Auch wenn sich einige Fachleute fragen, "was hier eigentlich jenseits neuer Begrifflichkeiten innovativ sein soll" (Michael Galluske). Die Wurzeln der systemorientierten Praxis findet man in der Familientherapie. Den ideologischen Hintergrund bieten Konstruktivismus, Kybernetik und die soziologische Systemtheorie von Niklas Luhmann. Das vorliegende Buch will sich jedoch nicht mit Theoriediskussionen herumschlagen. Es versteht sich als "praxistauglicher Leitfaden für den sozialpädagogischen Alltag", als "ein Buch aus der Praxis für die Praxis". Das Autorenteam setzt sich aus Fachpersonen aus dem Organisationsentwicklungs- und Supervisionsbereich zusammen, die auch Weiterbildungskurse in systemorientierter Sozialpädagogik anbieten.

Inhalt

Eine konsequente Systemorientierung hat für den Alltag in der Sozialpädagogik grosse Auswirkungen. Nicht die Verhaltensänderung des einzelnen Klienten im Alltag steht mehr im Vordergrund der Arbeit, sondern die Vernetzung zwischen Klientensystem (Familie), internem Hilfssystem (z.B. Wohnheim) und externen Hilfssystemen (z.B. Schule, Jugendpsychologe, Arzt). Mit Hilfe einer Beeinflussung dieser drei Systeme sollen sozialpädagogische Massnahmen wirkungsvoller gestaltet werden. Im Gegensatz zur familientherapeutischen Arbeit, die sich auf das System "Familie" beschränkt, will die sozialpädagogische Systemorientierung auch die Prozesse zwischen den Systemen in den Blick nehmen. Der Sozialpädagoge wird zum Systemvernetzer. Der runde Tisch zur bevorzugten Arbeitstechnik.

Der Ansatz im vorliegenden Buch überzeugt, auch wenn er wohl nicht als allein "heilsbringende" Methode für die sozialpädagogische Arbeit gesehen werden darf. Besonders bietet er sich sicher für den stationären Bereich an, sicher auch für neuere Arbeitsfelder wie die Schulsozialarbeit. Eher im Widerspruch steht er zu Methoden wie der "akzeptierenden Arbeit mit Jugendcliquen".

Bei der Lektüre stösst man - der Rezensierende ist als Erziehungshelfer selber in einem externen Hilfssystem tätig - immer wieder auf "Aha-Erlebnisse". Besonders die praktischen Beispiele aus dem sozialpädagogischen Alltag helfen dem Leser, die eher schwierigen Fachtexte in die Praxis zu transferieren. Aufschlussreich ist unter anderem auch das Kapitel 1.9. zu den unterschiedlichen Rollen, sowie 2.3. zu hinderlichen Kommunikationsmustern. Gefallen hat auch, dass die Autoren eine grosse Offenheit für die Umsetzung des Ansatzes zu Tage legen. Keine starren Gesprächsabläufe (wie zum Beispiel beim lösungsorientierten Ansatz von De Shazer), sondern ein grundsätzlicher Methodenpluralismus, der aber immer die Zusammenhänge zwischen den Systemen berücksichtigen soll. Interessant für die praktische Umsetzung ist der Vorschlag, Systemkonstellationen grafisch aufzuzeichnen, um Zusammenhänge zu erkennen. Das Autorenteam spricht auch kritische Punkte an: die Sozialpädagogin selber steht immer auch im System und nicht ausserhalb, Gesprächsverläufe hängen z.T. von kleinen äusseren Faktoren ab usw.

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Das vorliegende Buch überzeugt vom Inhalt und von der Theorie her. Als Lern- und Fachbuch hat es den Rezensierenden jedoch nicht restlos begeistert. Die Gründe dafür liegen im strukturellen Bereich. Kurz gesagt: das Buch zur systemorientierten Sozialpädaogik ist im Aufbau unsystematisch, die Sprache ist holprig und schwer zu lesen, man findet Orthografiefehler (S.52, 54, 58, 60, 80), zu statistischen Zahlen fehlt die Quelle (S.81), die Kapitel sind nach unterschiedlichen Systemen aufgebaut (einmal mit Zusammenfassung, einmal ohne) usw.

Bei der Lektüre überfällt den Leser immer wieder das Gefühl, man habe die unlektorierte Rohfassung eines Buches vor sich oder aber das Skript einer Vorlesung. Nur stellenweise - zum Beispiel im Kapitel 4 - ist es gelungen, einen leicht lesbaren, flüssigen Text vorzulegen. Man wünschte sich den Autoren einen Wissenschaftsjournalisten, der es übernommen hätte, den Text vor der Publikation nochmals zu überarbeiten.

Zu Unübersichtlichkeit trägt nicht nur der schwerfällige Text bei. Auch die Kapitelüberschriften helfen nicht, eine Struktur in das Buch zu bringen. Fehlende Ordnungszahlen bei den Überschriften führen v.a. im Kapitel 6 zur Orientierungslosigkeit des Lesers.

Schade, denn auf Grund des inhaltlich überzeugenden Ansatzes, hätte man das Buch gerne zur Pflichtlektüre für Studentinnen und Studenten der Sozialpädagogik erklärt. So aber wird es zum eher unverdaulichen Brocken für das Studium.

Vom Inhalt her zu empfehlen, leider nicht allzu lesefreundlich und übersichtlich gestaltet.

Peter Marti, Februar 2003.

jugendarbeit.ch - erstellt: 23.02.03 - geändert: 09.08.09 - © 2009 by pm