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Abweichendes Verhalten: Eine pädagogisch-soziologische Einführung.

Lothar Böhnisch. Juventa-Verlag, 2006 (3.Auflage).


Eine überzeugende Synthese verschiedener Theorien zu deviantem Verhalten, zum Lesen leider ein "dicker Brocken".

Weshalb verhalten sich Menschen kriminell? Obwohl Kriminologie und Sozialpädagogik eine grosse Zahl von Theorien zur Beantwortung dieser Frage entwickelt haben, ist das "Ei des Kolumbus" noch nicht gefunden. Einzelne Theorien haben unterschiedliche Konjunktur. Momentan sind soziologische Erklärungen beliebter als psychologische. Doch die Beliebtheit der Theorien orientiert sich mehr an gesellschaftlichen Strömungen als an wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Als Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter haben wir beruflich oft mit Jugendlichen zu tun, die delinquieren. Es stellt sich bald einmal die Frage, wie mit solchen Kids umzugehen sei. Ohne eine Theorie der Ursachen von Delinquenz, lässt sich aber nur schlecht handeln. Was nun? In der Regel bastelt man sich seine eigene Alltagstheorie zusammen, um sozialarbeiterisch handlungsfähig zu bleiben. Diese Theorien bewegen sich jedoch meist auf wissenschaftlich dünnem Eis und haben mehr mit dem persönlichen politischen Standpunkt oder eigenen Sozialisationserfahrungen zu tun als mit vertiefter Auseinandersetzung. Eine Alternative zum Basteln eigener Theorien bietet die Lektüre des vorliegenden Buches von Lothar Böhnisch, das sich mit "Abweichendem Verhalten" eingehend befasst.

Inhalt

I. Ein interdisziplinäres Konstitutionsmodell Abweichenden Verhaltens
(Anomieparadigma, das anomische Selbst, Subkulturelle Dynamiken, Ettikettierungen, Geschlechteraspekte usw.)

II. Sozialisation und Devianz
(Familie, Kindheit, Jugendalter, Medien, Arbeitswelt)

III. Pädagogische Arbeitsfelder als Kontrollinstanzen
(Jugendhilfe, Schule)

IV. Pädagogische Konzepte zum Umgang mit Abweichendem Verhalten
(Diagnose und Intervention, Strafen, Opferperspektive, Cliquen/Banden, Schule, Justiz/Polizei/Pädagogik, Krisenintervention/Diversion, Prävention)

Literatur

Lothar Böhnisch's Modell zur Erklärung von "Abweichendem Verhalten" basiert auf pädagogischen und soziologischen Elementen. Im Wesentlichen ist es eine Synthese älterer Theorien, ausgehend von der Anomietheorie Durkheims (1893) und Mertons (1968). Was bei Böhnisch's Modell jedoch überzeugt, ist der multifaktorielle Ansatz. Mit grosser Fachkenntnis referiert der Autor die Theoriemodelle des vergangenen Jahrhunderts, gibt Überblicke über ganze Themenfelder (Subkulturtheorien, Geschlechtertheorien usw.) und entwickelt aus unzähligen Mosaiksteinen sein eigenes Modell, das er "einen bewältigungstheoretischen Ansatz" nennt.

Eine Kurzrezension wie diese kann leider die Fülle an Gedankengängen, "steilen Thesen", literarischen Querverweisen oder Forschungsergebnissen, die im vorliegenden Buch erscheinen, nicht annähernd wiedergeben. Aus diesem Grund seien hier lediglich vier wichtige Aspekte erwähnt, die für die praktische Arbeit als Jugendarbeiter in einem offenen Treff relevant sein können.

(1) Abweichendes Verhalten hat immer eine Funktion. Es ist in erster Linie subjektive Bewältigung von Situationen. Daneben hat Abweichendes Verhalten aber auch eine Funktion für die Gesellschaft: es stärkt die Norm, es dient als Projektionsfläche, es stärkt den Gruppenzusammenhalt.

(2) Die heutige Welt ist regel- und normenlos geworden (anomisch). Die Zukunft ist nicht mehr vorhersehbar, was zu subjektivem Stress führt. Um trotzdem handlungsfähig zu bleiben, wählen Menschen unterschiedliche Verhaltensmuster: Konformität, Ritualismus, Innovation, Aussteigertum, Rebellion. Abweichendes Verhalten ist eine Möglichkeit, um handlungsfähig zu bleiben und eigentlich eine "innovative" Form zum Umgang mit Stresssituationen.

(3) Abweichendes Verhalten hat Vorteile für die Person: sie wird beachtet, kann soziale Interaktionen eingehen, fühlt sich nicht ohnmächtig, weil sie die Handlung selber bestimmt usw.

(4) Prävention von Abweichendem Verhalten lässt sich nicht verwirklichen, weil das Verhalten nicht nur einen bestimmten Grund hat. Normalerweise spielen vier Elemente eine Rolle: Stressbewältigung, Abstraktion, Subkulturen, Etikettierung.

So spannend die drei ersten (theoretischen) Teile des Buches zu lesen sind, so enttäuschend ist der vierte (praktische) Teil ab Kapitel 4.3. Hier will der Autor pädagogische Konzepte vorstellen, die im Umgang mit Abweichendem Verhalten angewendet werden können. Die vorgestellten Ansätze sind jedoch weder besonders neu, noch dem vorangehend entwickelten Modell speziell angepasst. Hier hat der Autor m. E. das Problem übersehen, dass bisher nur wenig sinnvolle Interventionsmöglichkeiten entwickelt wurden, die der ganzen Komplexität von Abweichendem Verhalten gerecht werden. Deshalb passen die vorgestellten Konzepte irgendwie nicht ganz zur Theorie, vielleicht mit Ausnahme der "akzeptierenden Jugendarbeit" von Krafeld.

Die Schwäche in diesem Praxisteil tut jedoch dem positiven Gesamteindruck des Buches keinen Abbruch. Aufgabe der Wissenschaftler ist es ja, den Praktikern Theoriemodelle zur Verfügung zu stellen, auf denen diese ihre Handlungskonzepte begründen können. Hier hat die Aufgabe für die Praktiker erst begonnen und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass noch keine breite Palette an pädagogischen Konzepten präsentiert werden kann, die das Ursachenmodell des vorliegenden Buches zur Grundlage haben.

Die Lektüre des vorliegenden Buches ist daher den Fachleuten aus der Jugendarbeit ans Herz zu legen. Leider ist es ein ziemlich "dicker Brocken" - nicht bezüglich der Seitenzahl, sondern von der Sprache her. Zur inhaltlichen Dichte kommt eine komplexe - stellenweise unnötig komplizierte (z.B. S.12, 40) - Fachsprache. Hilfreich wären im Übrigen übersichtliche Tabellen oder Grafiken gewesen.

Neben den beiden bisherigen "Standardwerken" von S. Lamnek kann das vorliegende Buch mit gutem Gewissen als neues Grundlagenbuch für die Sozialpädagogik bezeichnet werden, wenn es um Abweichendes Verhalten geht.

Peter Marti, September 2003.

jugendarbeit.ch - erstellt: 07.08.03 - geändert: 04.08.09 - © 2009 by pm