Disziplin in der Schule: Plädoyer für ein antinomisches Verständnis von Disziplin und Klassenführung.

Jürg Rüedi. Verlag Paul Haupt, 2002.

Das antinomische Disziplinverständnis von Jürg Rüedi ist auch für die Jugendarbeit eine sinnvolle Alternative zu den unbrauchbaren "Du-musst-halt-härter-durchgreifen" oder "Laisser-faire"-Konzepten.

Ohne Disziplin kommt man zu keinen guten Resultaten. Das gilt sowohl für die Schule, wo Schulstoff gelernt werden soll wie auch für die Jugendarbeit, wo es hauptsächlich um soziales Lernen geht. Doch wie sorgt man als Lehrkraft, als Jugendarbeiterin, als Jugendarbeiter für die notwendige Disziplin, um die Ziele der Arbeit zu erreichen? Und wieviel Disziplin ist überhaupt notwendig? Sind Disziplin und Strafe nicht überholte Prinzipien aus einer Zeit, als preussischer Drill noch in Mode war? Aber ganz ohne Disziplin können wir doch gar nicht arbeiten? Nur, wie sollen wir sie durchsetzen? Und was ist Disziplin überhaupt?

Das vorliegende Buch von Jürg Rüedi, Lehrerausbildner mit jahrzehntelanger Erfahrung, möchte "Theorie und Praxis" zum Thema "Disziplin" verbinden. Es will nicht an überholte Konzepte der Vergangenheit anknüpfen - weder an autoritäre noch an antiautoritäre Modelle - sondern plädiert für einen sogenannt "antinomischen" Umgang mit den Problem. Hinter dem Fremdwort versteckt sich ein Stil, der manchem bekannt vorkommt, wenn er an "gute Lehrkräfte" oder "tolle Jugi-Leiter" aus seiner Kindheit zurückdenkt. Die Erfolgsrezepte des antinomischen Modells sind: kooperative Führung, emotionale Wärme und eine sanfte Lenkung.

Im Jugendarbeitsbereich ist vor allem in der offenen Jugendarbeit öfters ein unreflektierter Umgang mit dem Thema "Disziplin" zu beobachten. Einige Leitungsteams lassen "die Zügel schleifen", schauen weg, wenn Regeln nicht eingehalten werden und begründen dies mit dem Allerweltssatz: "Die Jugendlichen sind doch sonst schon überall so gefordert. Irgendwo müssen sie ihre Aggressionen loswerden und sich austoben können." Erstaunt stellt man nach einigen Monaten fest: es kommen kaum mehr Jugendliche in den Treff, weil es den meisten nicht mehr wohl ist in einem Treff, der keine Linie und keinen Stil hat. Das gegenteilige Leitungsprinzip heisst: "Wir greifen hart durch!" Leider ist es zur Zeit ziemlich stark in Mode. Es löst aber noch weniger Probleme als die "Laisser-faire-Methode", weil es nach dem "St.-Floriansprinzip" arbeitet. Der Zutritt zum Treff wird mit einem strengen Membercardsystem geregelt und bei disziplinarischen Vergehen wird mit Treffverboten operiert. Für den einzelnen Treff wird das Disziplinproblem gelöst, die ausgeschlossenen Jugendlichen sind damit aber nicht einfach "weg", sondern stören ganz einfach an einem anderen Ort.

Gerade weil der Umgang mit Disziplin in offenen Jugendeinrichtungen oft so unprofessionell gehandhabt wird, empfiehlt sich eine Lektüre von Jürg Rüedis Buch nicht nur für Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch für Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter. Vielleicht auch für Behördenmitglieder in Jugendkommissionen und Schulpflegen, denn gerade sie üben häufig Druck auf pädagogische Fachleute aus, wenn es in der Praxis zu diszplinarischen Problemen kommt. "Sie müssen halt von Anfang an hart durchgreifen", lautet der behördliche Ratschlag, der stärker vom Zeitgeist, als von erzieherischem Geschick geprägt ist.

Inhalt

Einleitung (1)

Plädoyer für einen antinomischen Umgang mit Disziplin (2,3,4)

Mikroebene: Disziplin und Klasse (5)

Führungsstil, Entwicklungs- und Motivationspsychologie (6-9)

Multikriterialität schulischer Wirkungen (10)

Hinweise aus der Gewaltforschung (11)

Disziplin und Didaktik (12)

Ratschläge, persönl. Psychohygiene, Tipps und Merkpunkte (13-16)

Anmerkungen, Literatur, Register

Disziplin ist ein Thema, das für die Berufspraxis von Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, sehr wichtig ist. Trotzdem wird es von der Wissenschaft kaum beachtet und spielt auch in der Berufsausbildung keine allzugrosse Rolle bzw. wird, wie in der Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern für den Religionsunterricht, ganz ausgeblendet.

Das vorliegende Buch erfüllt seine selbstgesetzte Aufgabe, Theorie und Praxis zum Thema "Disziplin" in Grundzügen aufzuarbeiten und für Fachleute in Ausbildung und Berufpspraxis fruchtbar zu machen, nach Ansicht des Rezensierenden sehr gut. Zwar können nicht alle relevanten Problemfelder in der ganzen Breite diskutiert werden (z.B. Jugendgewalt). Der Autor behandelt jedoch alle relevanten Themen in der notwendigen Ausführlichkeit und schafft es, im ganzen Buch ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Theorieteil und Praxisteil zu schaffen.

Lehrkräfte und Jugendarbeitende werden unterschiedliche Kapitel des Buches als hilfreich empfinden. Weil sich unsere Publikation an Leute aus dem Jugendarbeitsbereich richtet, sei im Folgenden auf die Kapitel hingewiesen, die dem Jugendarbeiter bei seiner Arbeit im Jugendfreizeitbereich Hilfestellung bieten. Besonders viele "Aha-Erlebnisse" ergeben sich unter anderem in den Kapiteln 7 und 8, wo entwicklungspsychologische und motivationspsychologische Aspekte erörtert werden. Spannend auch Kapitel 11, das sich mit der Gewaltforschung beschäftigt. Und ab Kapitel 13 - hier wird's praktisch - sind fast alle Ratschläge vom Schulbereich auch im Jugendarbeitsbereich nutzbringend anwendbar. Empfehlenswert: die fünf Interventionvarianten bei Disziplinschwierigkeiten (S. 154ff.) und die Gedanken zur persönlichen Psychohygiene (Kapitel 14).

Das von Buchautor Rüedi vorgeschlagene "antinomische" Modell überzeugte den Rezensierenden im Übrigen von A bis Z. Zwar mag man dagegen einwenden, dass am Konzept kaum etwas neu sei und das darin vorgeschlagene situationsbezogene Handeln, etwas gar schwammig daherkomme. Nur: vielleicht ist es in der Pädagogik tatsächlich so, dass zum Thema "gute Erziehung" das Rad nicht immer wieder neu erfunden werden muss. Und an der notwendigen Situationsbezogenheit von pädagogischen Interventionen, zweifeln der langjährige Jugendarbeiter oder die langjährige Lehrerin sowieso nicht.

Neben den flüssigen und gut verständlichen Stil des Autors (kein Fachchinesisch und trotzdem kompetent) haben dem Rezensenten auch die eingestreuten Karikaturen gut gefallen. Sie setzen humorvoll einige wichtige Aussagen des Textteils in Szene und sorgen für eine gute Auflockerung. Wichtigster Pluspunkt im Buch ist jedoch, der Verzicht auf "billige Rezepte" zur schnellen Umsetzung. Dies mag zwar den einen Leser, die andere Leserin enttäuschen, gehört jedoch zu den Stärken des Buches. Ein "antinomisches" Verständnis von Disziplin kann gerade keine allgemeingültigen Regeln formulieren, weil es die Situationsabhängigkeit bei der Problemlösung betont.

Zum Schluss noch zwei Merksätze aus dem besprochenen Buch, für all jene, die sich nicht dazu entschliessen können, die gut investierten 48 Franken für den Kauf des Titels auszugeben: "Professionelle Fachleute für Pädagogik ... müssen die Schwierigkeiten verstehen, bevor sie handeln und intervenieren." (216) Und: "Der erste Feind der Lehrperson sind ... ihre persönlichen Empfindlichkeiten, ihre Ängste vor Prestigeverlust, ihre blinden Flecken." (217)

Ein absolut lesenswertes Buch, das (zumindest in Auszügen) sofortigen Eingang in die Ausbildung von pädagogisch Tätigen, nicht nur im Schulbereich, finden sollte.

FAKTEN

BEZUG

Format: 22,5 x 15,5cm, kartoniert.
288 Seiten.
sFr. 48,00, EUR 29,90.
Bern: Verlag Paul Haupt, 2002.
ISBN 3-258-06477-6.

WERTUNG

HINWEISE

Optik: ansprechend und übersichtlich.

Inhalt: kompetent und spannend.

Nutzen: sehr hoch.

Einsatz: Schule und Jugendarbeit.

jugendarbeit.ch vertreibt selber keine Arbeitshilfen. Wende dich für den Bezug dieses Buches an die angegebene Bezugsquelle.

Für alle Hinweise zur Aktualisierung dieser Angaben sind wir dankbar!

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Peter Marti, Dezember 2002.

jugendarbeit.ch - erstellt: 01.12.02 - geändert: 13.10.05 - © 2005 by pm