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Endstation Schulausschluss? Über den Umgang mit schwierigen Schulkindern.

Michèle Minelli. Paul Haupt Verlag, 2003.


Ein engagiertes Buch einer engagierten Autorin, das sich für Eltern und Kinder stark macht, die im heutigen Schulsystem unter die Räder kommen. Plädiert wird für kreativere Lösungen als Schulausschlüsse bei Schwierigkeiten mit Kindern und Jugendlichen in der Schule.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Autorin von "Endstation Schulausschluss?" nicht im Schul- oder Sozialbereich arbeitet. Der kritische Blick auf ein Phänomen, das ich als Jugendarbeiter ebenfalls mit Sorge betrachte, gelingt ihr als aussenstehender Beobachterin möglicherweise besser, als involvierten Personen. Dem Phänomen nämlich, dass seit einigen Jahren der Umgang mit sogenannt "schwierigen" Kindern und Jugendlichen in unserem Land neue Formen annimmt. Leitend ist dabei der schulische und gesellschaftliche Tenor, der lautet: Wir ziehen Grenzen! Wir lassen uns von den Jugendlichen nicht mehr alles bieten! Wir verhängen Sanktionen! Wir schliessen Schüler von der Schule aus!

Und so werden in der ganzen Schweiz immer wieder Kinder und Jugendliche aus der Schule ausgeschlossen, weil sich die Schule nicht mit den Schwierigkeiten unangepasster Schülerinnen und Schüler befassen will (oder aus zeitlichen Gründen kann). Das System Schule ist mancherorts in Schieflage geraten, schreibt Autorin Michèle Minelli. Im vorliegenden Buch will sie aufzeigen wieso das so ist und was man dagegen tun kann.

Inhalt:

Der beeindruckendste Teil des Buches sind meines Erachtens die fünf exemplarischen Schulbiografien: Jamaal, Elias, Ralf, Vanessa, Maria (S. 25-76). Sie zeigen, wie Kinder ungewollt in eine Spirale von Auflehnung und Gegenreaktionen geraten können, aus der sie sich mit eigener Kraft nicht mehr lösen können. Als Jugendarbeiter und Erziehungshelfer für die Jugendanwaltschaft könnte ich leicht ein Dutzend weiterer solcher Biografien hinzufügen. Allein die Lektüre dieses Kapitels sollte Behörden, Schulhausteams aber auch sozialpädagogische Dienste dafür sensibel machen, wie leicht Kinder und Jugendliche stigmatisiert werden und wie selten wirklich kreative Lösungen für schwierig zu handhabende Kinder gesucht werden. Schaudern lässt den Leser die Tatsache, dass es sich bei den von der Schule ausgeschlossenen Jugendlichen nicht vor allem um "Täter" handelt, sondern fast häufiger um "Opfer", die auf besondere Weise auf ihre Opferrolle reagieren oder reagiert haben.

Dass es sich bei Jugendlichen, die von der Schule ausgeschlossen werden, sowieso nicht um asoziale Kreaturen handelt, zeigen sowohl historische Berühmtheiten wie Gottfried Keller, Gottlieb Duttweiler oder Karl May (S. 106-109), wie auch meine eigene Erfahrung in der Jugendarbeit. Nach vier bis fünf Jahren sind aus ehemaligen Dieben, aggressiven Machos und Schlägertypen im Jugendtreff verantwortungsbewusste junge Männer mit Familienauto, Frau und Kind geworden, die mir auf der Strasse lachend von ihrer wilden Jugendphase erzählen. Glücklich diejenigen, die vom Schulausschluss verschont geblieben sind und einen guten Beruf erlernen konnten, handicapiert für lange Zeit die anderen, die sich auch mit 22 Jahren noch als Hilfsarbeiter durchschlagen müssen, weil sie in einer schwierigen Zeit mit 16 Jahren von der Gesellschaft fallen gelassen wurden.

Was lässt sich nun dagegen tun, dass Jugendliche vom System "Schule" ausgestossen werden, weil sie sich in einer bestimmten Lebensphase - aus welchen Gründen auch immer - nicht in den gesellschaftlich akzeptierten Raster einfügen wollen oder können? Die Kapitel 4-6 des vorliegenden Buches versuchen an Hand von Beispielprojekten (S. 129-154) sowie von Vorschlägen für den Umgang mit schwierigen Kindern Lösungsansätze aufzuzeigen. Dass diese einfacher niedergeschrieben sind, als angewendet, versteht sich von selber. Die Vorschläge gehen jedoch in die richtige Richtung und geben Gedankenanstösse für engagierte Schulhausteams und Lehrpersonen.

Positiv am vorliegenden Buch ist mir aufgefallen, dass die Autorin grösstenteils auf Schuldzuweisungen verzichtet - ausser vielleicht gegenüber der Politik. Natürlich kann man die im Buch beschriebenen misslungenen Reaktionen von Fachpersonen in den Beispielbiografien als Angriff auf den eigenen Berufsstand empfinden - die Autorin versteht es aber, immer auch positive Beispiele von Schulhausteams und anderen Fachpersonen anzuführen, die diese scheinbaren Angriffe widerlegen.

Der Politik wirft Autorin Michèle Minelli vor, durch die Propagierung einer "Leistungsschule" den sorgsamen Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Schule zu verhindern. Das ist m.E. nicht der Hauptgrund für die heutigen Schwierigkeiten. Meiner Ansicht nach ist es vielmehr eine Spirale aus gesellschaftlichen Tendenzen, persönlichen Unzulänglichkeiten, Gruppendynamiken unter Fachpersonen und einer teilweisen "Übersozialpädagogisierung" unseres Alltages, die zu solchen Ausschlusslösungen führt.

Übrigens: Die Lektüre von "Endstation Schulausschluss?" ist auch all jenen Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeitern zu empfehlen, die in ihrem Jugendtreff ebenfalls dem gesellschaftlichen Trend zu Ausschlüssen aufgesessen sind und darob pädagogisch sinnvolle Interventionen bei "schwierigen" Jugendlichen vernachlässigen. Auch Jugendtreffs können mit Regelverstössen anders umgehen als durch Zutrittsverbote und Ausschlüsse.

Ein herausforderndes Buch, vor allem für Lehrkräfte, Behörden und Schulleitungen, dem man eine grosse (selbstkritische) Leserschaft wünscht.

Peter Marti, April 2003.

jugendarbeit.ch - erstellt: 07.04.03 - geändert: 09.08.09 - © 2009 by pm