Hartmut von Hentig. München, Wien: Hanser, 2006.
Pädagogen überraschen heute selten noch mit revolutionären Ideen. Wer aber glaubt, es gebe keine Visionen für umwälzende Neuerungen in unserem Schulwesen, der lese dieses Buch und lasse sich eines Besseren belehren.
Mit 81 Jahren steigt der bekannte Pädagoge Hartmut von Hentig
nochmals in die Hosen. Der Gründer der Bielefelder Laborschule
verfasste das vorliegende Buch unter dem Eindruck der Unruhen in den französischen Vorstädten und den Vorfällen in einer Berliner Hauptschule im Jahr 2005. Die sich dort zeigende Gleichgültigkeit perspektiveloser Jugendlicher gegenüber der Gesellschaft macht Hentig Sorgen. Als besonders bedenklich konstatiert er, dass niemand eine pädagogische Antwort auf die Probleme an den Schulen sucht, sondern sozialwissenschaftliche und repressive Massnahmen im Vordergrund stehen.
Dass es mit der Volksschule in Deutschland (aber auch in der Schweiz) nicht zum Besten steht, kann man täglich in den Medien lesen. Man kann aber auch mit einem Lehrer, einer Lehrerin sprechen und hört dann von Berufsleuten, die sich redlich bemühen, in ihrer Arbeit aber oft von Politik und Gesellschaft ausgebremst werden. Immer neue Aufgaben werden an die Schule delegiert. Immer neue Scheinlösungen versprechen ein Ende der Misere. Es ist das Verdienst von Hentig, in diesem Buch den ganzen Irrsinn des heutigen Bildungswesens sichtbar zu machen. Manchmal ist Hentigs Spott nahe an der Grenze zum Zynismus, oft wirken seine Formulierungen arrogant und herablassend. Doch der Autor hält uns einen Spiegel vor, in den es sich furchtlos zu blicken lohnt. Kritik ist fast immer schmerzhaft, besonders wenn sie ins Schwarze trifft.
Doch Hentig wäre kein guter Kritiker, wenn er nicht auch Vorschläge machen würde, wie der Patient "Schule" auf den Weg der Besserung gebracht werden könnte. Sein Ausgangspunkt ist die Frage: Wie gibt man Jugendlichen Werte wie Zuversicht, Selbstvertrauen, Gemeinsinn, Verantwortungsgefühl, Ausdauer, Belastbarkeit, Toleranz und Rücksichtnahme mit auf den Lebensweg? Mit (Früh-)Englisch und PCs in jedem Schulzimmer allein lässt sich das Leben nicht meistern.
Diese Frage haben sich schon andere gestellt und daraus gleich auch eine neue Aufgabe für die Schule abgeleitet. Sozialkompetenz heisst die neue Schlüsselkompetenz, die mit speziellen Schulfächern (Kultur + Religion, Ethik...), Projektunterricht, Gruppenarbeiten usw. an der Schule erworben werden soll. Hentig überrascht mit einem ganz anderen Ansatz. Gemeinsinn lernt man besser nicht an der Schule, sondern anderswo, meint der Pädagoge und entwickelt daraus seine zwei Reformprojekte für die Schule, die in diesem Buch dargestellt werden.
Hentig plädiert einerseits für eine "Entschulung" der Oberstufe (in Deutschland Mittelstufe genannt). Andererseits schlägt er vor, einen obligatorischen "einjährigen Dienst an der Gemeinschaft" für Schulentlassene einzuführen.
Besonders revolutionär ist die erste Massnahme. Die schulische Oberstufe wird ganz einfach abgeschafft. Die Jahrgänge 7-9 lernen nicht mehr an der Schule, sondern in einer Art externem Projektunterricht. Beispiele sind: gemeinsamer Ausbau eines Bauernhauses, Einsatz in sozialen Einrichtungen, Theaterprojekte, Denkmalspflege, Landschaftspflege, archäologische Ausgrabungen usw. usw. Die Jugendlichen leben in dieser Zeit zusammen und werden von Projektleitern betreut, deren Beruf es laut Hentig ist, "ein Erwachsener zu sein, der mit Zuwendung ... und Fantasie für das gegenwärtige Leben einsteht". Hentig entwickelt diese Idee im vorliegenden Buch schon ziemlich detailliert und plädiert für einen 10-jährigen Versuch in einer mittelgrossen Stadt wie Freiburg oder Rostock.
Die zweite Idee Hentigs ist eine Art "Zivildienst" für alle jungen Erwachsenen als Dienst am Gemeinwesen. Zu leisten zwischen dem Abschluss der Ausbildung und vor dem 25. Altersjahr. Hier geht es vor allem um eine Ausweitung von freiwilligen Sozialeinsätzen zu einem Obligatorium, welches den Militärdienst als einen Bestandteil beinhalten kann, aber auch aus einem Einsatz für Umwelt, Mensch oder Staat bestehen könnte.
Hinter allen Überlegungen Hentigs steht die Einsicht, dass es jungen Menschen gut tut, sich bewähren zu lernen, sich als nützlich für die Gesellschaft zu erleben und dadurch Anerkennung zu erfahren. Offensichtlich kann die Schule diese Erfahrung nicht bieten.
Das Buch ist lesenswert, gerade auch als Warnsignal für Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter. Wenn den Rezensierenden nicht alles täuscht, ist auch in der Jugendarbeit - ähnlich wie in der Schule - eine "Versozialwissenschaftlichung" im Gange, welche pädagogische Aspekte in den Hintergrund drängt. So wünscht man sich auch in unserem Beruf in Zukunft Personen, die "Zuwendung, Geduld, Festigkeit, Improvisationsgabe, Lebenserfahrung und Fantasie" in die Arbeit mit Jugendlichen mitbringen (vgl. S. 31).
Lesenswert und bedenkenswert, nicht nur für Lehrerinnen und Lehrer. Ein ideales Geburtstagsgeschenk für Erziehungsdirektoren, SP-Politikerinnen, Kreisschulpflegen, SVP-Bundesräte und andere Amtsträger, welche Entscheidungen im Schulbereich treffen oder treffen wollen.
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FAKTEN |
BEZUG |
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108 Seiten. |
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keine Wertung. |
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Peter Marti, Februar 2007.