Lob der Disziplin: eine Streitschrift.

Bernhard Bueb, List-Verlag, 2006.

Ein lesenswerter Anstoss zur Auseinandersetzung mit eigenen Erziehungsprinzipien - reflektierten und unreflektierten.

Bernhard Bueb, ein pensionierter deutscher Internatsrektor, schreibt einen Essay zum Thema Erziehung. Versehen mit dem verkaufsfördernden Untertitel "eine Streitschrift" und mit dem tabubehafteten Hauptitel "Lob der Disziplin", schlägt das Buch ein wie eine Bombe. Tausende von verkauften Exemplaren. TV-Sendungen. Zeitungsartikel. Und kürzlich wurde gar ein "Gegenbuch" mit sogenannten "Antworten der Wissenschaft" zu Buebs Thesen publiziert. (Micha Brumlik, Hrsg.: Vom Missbrauch der Disziplin, 2007. [Mehr dazu...])

Ja, es wird wieder über Pädagogik debattiert. Emotionsgeladen, wie wohl seit Jahren nicht mehr. Die aufgeheizte Debatte ist leider einer sachlichen Würdigung von Bernhard Buebs Schrift nicht besonders dienlich. Dem aussenstehenden Beobachter präsentieren sich ein eher bescheiden auftretender Autor ("Liebe und Konsequenz sind wichtig"), sein Fanclub ("Wir haben es ja schon immer gesagt: Mehr Härte!") und eine arrogant und inkonsequent argumentierende Erziehungswissenschaft ("Das Buch ist entweder eine Lachnummer oder eine höchst gefährliche Schrift mit Nähe zum Nationalsozialismus.")

Liest man Buebs Buch unaufgeregt und grundsätzlich interessiert, gerät man ins Staunen über die grosse Medienpräsenz und die gehässigen Angriffe auf den Autor. Da zieht ein erfahrener, schon nicht mehr ganz junger Pädagoge Bilanz über sein Leben. Schreibt von Erfolgen und Misserfolgen, Erlebnissen mit Jugendlichen und Erziehenden, gerät ab und zu etwas stark in die Nähe des "früher-war-alles-besser-Geredes" älterer Herrschaften, bedauert die heutige Bildungsmisere und vertritt überzeugt seine Ansicht, dass Konsequenz und Liebe zwei wichtige Erziehungsprinzipien für Eltern und Lehrkräfte sind.

Als Jugendarbeiter mit 12-jähriger pädagogischer Praxiserfahrung kann der Rezensierende den meisten Aussagen von Bueb nur zustimmen: Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen funktioniert nur, indem man Grenzen setzt und deren Einhaltung auch überprüft. Ob die Begründung Buebs stimmt, die ganze heutige Erziehungs- und Bildungsmisere sei durch die 1968er-Bewegung verursacht bleibt dahingestellt. Ich finde sie etwas zu eindimensional.

Die deutsche Bildzeitung bezeichnete Bernhard Bueb als "strengsten Lehrer der Nation". Das ist Quatsch. Buebs christlich-humanistisches Menschenbild prägt seine Erziehungsgrundsätze. Hätte man sich für einen unverfänglicheren Buchtitel als "Lob der Disziplin" zu entscheiden, könnte der Inhalt des Buches wohl auch mit dem Slogen "Fordern und Fördern" (in dieser Reihenfolge!) umschrieben werden. Ein doch wohl gar nicht so unbrauchbares Erziehungsprinzip.

Die Lektüre des Buches ist m.E. nicht nur für Eltern und Lehrkräfte ein Gewinn. Jugendarbeitende sind - auch wenn sie das nicht immer wahr haben wollen - ebenfalls pädagogisch tätig. Und sind daher mit denselben Fragen konfrontiert, wie andere Erziehende. Die Lektüre dieses sehr süffig und lesefreundlich geschriebenen Buches kann Anstoss sein, die eigenen Erziehungsprinzipien wieder einmal zu überdenken.

Das Buch gehört allein durch seine grosse Beachtung in der Öffentlichkeit zur Pflichtlektüre aller Erziehenden ... auch wenn man nicht allen Thesen des Autors zustimmen mag.

FAKTEN

BEZUG

Gebundene Ausgabe
173 Seiten.
Berlin: List-Verlag, 2006.

WERTUNG

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Peter Marti, März 2007.

jugendarbeit.ch - erstellt: 01.03.07 - geändert: 09.03.07- © 2007 by pm