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Pubertät - echt ätzend: Gelassen durch die schwierigen Jahre.

Allan Guggenbühl. Herder Spektrum. Zürich, 2009 (9. Auflage).


Aus lieben Kindern werden Machos, Primadonnen oder Prahlhanse - doch kein Grund zur Panik. Psychologe Allan Guggenbühl rückt die Entwicklung der Jugendlichen ins rechte Licht und plädiert für Gelassenheit gegenüber den jungen Störefrieden .

"Psychologie soll verständlich sein und Bilder liefern, auf die man sich abstützen kann", schreibt Allan Guggenbühl. Diesen Geist atmet auch das vorliegende Buch: Psychologie für den Alltag, oft ein wenig vereinfachend, aber trotzdem ein hilfreiches Buch für Eltern, Lehrpersonen und sozial Tätige, die mit Jugendlichen «im schwierigen Alter» zusammenleben müssen.

Ein starker Teil des vorliegenden Buches sind die aus dem Leben gegriffenen Beispiele für pubertäres Verhalten. Man merkt: hier spricht ein Fachmann (und Vater) aus eigener Erfahrung. Das Rezepte für den Umgang mit den schwierigen Kids, welches Allan Guggenbühl anbietet, ist hingegen eher banal. Die Rolle des "bösen Erwachsenen" soll möglichst gut gespielt werden, denn die Teenies brauchen diesen Gegenpol für eine gesunde Entwicklung. Ansonsten solle man möglichst gelassen durch die schwierigen Jahre mit den Jugendlichen gehen (tja, was macht man da als Oberstufenlehrer oder Jugendarbeiterin - hier enden die schwierigen Jahre nie!). Vielleicht ist es aber halt tatsächlich so, dass gegen pubertäre Mühsal nur Gelassenheit wirkt. Mich hat das einfache Rezept Guggenbühls auf jeden Fall angesprochen.

Grund für die Zurückhaltung gegenüber Tipps zur Veränderung jugendlichen Verhaltens ist wohl ein gewisser "jungscher Fatalismus" des Autors gegenüber psychischen Phänomenen. Gemäss der Tiefenpsychologie C.G.Jungs beherrschen nämlich Archetypen und Mythen unser Unterbewusstsein. Und so können die schwierigen Kids gar nicht anders, als in ihrer Entwicklung "Helden", "Hexen" oder "Prinzessinnen" zu imitieren. Die Deutung der Pubertät mit Hilfe der jungschen Archetypenlehre ist denn auch ein sehr spannender Ansatz von Guggenbühl und führt bei der Lektüre zu manchem Aha-Erlebnis. Gefragt habe ich mich nur, weshalb Guggenbühl sich nie als Tiefenpsychologe nach der Lehre Jungs outet. Die Fussnoten verraten wenig über seine Prämissen und die Archetypenlehre ist nun wirklich nicht von Guggenbühl erfunden worden.

Inhalt

Neben unzähligen Aha-Erlebnissen bietet das Buch viel Stoff zum Nachdenken über das eigene Verhalten, pubertierenden Jugendlichen gegenüber. Allan Guggenbühl weist nämlich wiederholt auf unbewusste Projektionen Erwachsener hin, welche die Deutung jugendlichen Verhaltens beeinflussen. Ziemlich schlecht kommen dabei die mittlerweile ergrauten Achtundsechziger davon - was der später geborene Rezensent mit einer gewissen Schadenfreude konstatiert.

Guggenbühls Sicht der Pubertät als Übergangsphase und der Aufruf zum "Mut zur Abgrenzung gegenüber den Jugendlichen" hilft meines Erachtens beim Umgang mit Jugendlichen sehr. Gerade Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter kranken oft daran, dass sie sich der aktuellen Jugendkultur verschreiben (aus Sicht der Jugendlichen: anbiedern), anstatt ihre Rolle als Erwachsene und "Reibungsflächen" tapfer zu spielen.

Das vorliegende Buch von Allan Guggenbühl liest sich mit Gewinn. Leider ist es etwas unsorgfältig editiert (Rechtschreibefehler) und der Autor erstaunt uns ab und zu mit seltsamen Fremdwörtern, die unerklärt bleiben ("chtonische Hadesfahrt"). Ebenfalls schwach ist das Literaturverzeichnis mit lediglich 10 Einträgen, davon 5 Publikationen von Guggenbühl selber, was denn schon fast ein wenig peinlich ist.

Trotzdem: ab sofort können wir Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter den aufgelösten Eltern, die unsere Büros stürmen, die richtige Medizin verabreichen: das Buch von Allan Guggenbühl eignet sich hervorragend als Nachttischlektüre für entnervte Mütter und Väter.

Peter Marti, Februar 2000.

jugendarbeit.ch - erstellt: 01.12.02 - geändert: 03.08.09 - © 2009 by pm