Michael Winterhoff. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2008 (15. Auflage).

Wir müssen unsere Rolle als Erwachsene überdenken, damit wir die Probleme mit Kindern und Jugendlichen in den Griff bekommen. Pädagogische Massnahmen sind blosse Symptombekämpfung. So die These des Kinderpsychiaters Michael Winterhoff im vorliegenden Bestseller.
TV-Super-Nannys, die kindlichen Tyrannen trotzen. Hitzige Debatten um Bernhard Buebs "Lob der Disziplin". Politiker aller Couleur, die mit harter Hand gegen Jugendgewalt vorgehen wollen. Unsere Gesellschaft ärgert sich seit einigen Jahren lautstark über Jugendliche, die sich an keine Regeln halten wollen und sucht verzweifelt nach pädagogischen Mitteln, um ihre offensichtlich zügellose Jugend in den Griff zu bekommen. Ein Buch unter dem Label "Tyrannen-Kinder" passt in diesen Zeitgeist und ist wohl vor allem auf Grund des Titels zu einem Beststeller geworden.
Doch Autor Michael Winterhoff hat keinen weiteren Erziehungsratgeber geschrieben. Er will vielmehr den Ursachen der Probleme auf den Grund gehen und beschreibt dazu eine Welt voller psychisch gestörter Individuen, deren Fehlentwicklungen mittlerweile von vielen Erwachsenen als "normal" betrachtet werden. Kinder und Jugendliche seien heute oft nicht mehr in der Lage, falsches von richtigem Verhalten zu unterscheiden. Und weil ihr psychischer Entwicklungsstand irgendwo im Kleinkindalter stehen geblieben ist, nützen auch pädagogische (oder repressive) Massnahmen nur wenig. Die jungen Monster und Tyrannen können gar nicht anders, als sich vollkommen daneben zu benehmen.
Laut Michael Winterhoff verunmöglichen wir Erwachsenen unseren Kindern eine gesunde psychische Entwicklung hauptsächlich durch zu viel Partnerschaftlichkeit, durch Projektionen und durch Symbiosen. Gerade wohlmeinende und engagierte Eltern, aber auch viele Pädagoginnen und Pädagogen produzieren durch zu viel Partnerschaftlichkeit Kinder, die psychisch auf der Stufe von Zweijährigen stehen geblieben sind. Winterhoff plädiert für einen gesunden Abstand zwischen Erwachsenen und Kindern. Wer Kleinkinder als gleichwertige Partner betrachtet, betreibt emotionalen Missbrauch, so der Autor.
Michael Winterhoffs Thesen gründen in seiner praktischen Arbeit als Kinderpsychiater. Das Buch enthält eine Fülle von Fallbeschreibungen, die uns die meisten bekannt vorkommen: Eltern, die dem Lehrer erklären, dass ihr Kind halt ein kleines Individuum sei und deshalb selber entscheiden wolle, ob es die Hausaufgaben mache oder nicht zum Beispiel. Oder Lehrkräfte, die es normal finden, dass ihre Schülerinnen und Schüler im Unterricht laut schwatzen.
Wissenschaftlich gesehen bleiben Winterhoffs Thesen reine Vermutungen, auch wenn er meint, dass sie "die einzige Möglichkeit sind, den jetzigen Trend sinnvoll zu analysieren". Eigentlich ist sogar zu hoffen, dass Winterhoff nicht recht hat. Denn man möchte gar nicht wissen, wie es sein wird, in einer Gesellschaft zu leben, die aus lauter Erwachsenen bestehen wird, die psychisch auf dem Stand von Zweijährigen stehen geblieben sind.
Ganz der erste (wie es der Autor auf Seite 13 behauptet) ist Winterhoff allerdings nicht mit seiner These von der "Abschaffung der Kindheit". Bereits im Jahr 1982 publizierte der Amerikaner Neil Postman sein Buch "Das Verschwinden der Kindheit", das unter anderem dem Fernsehen vorwarf, die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern zum Verschwinden zu bringen. Und auch andere Autoren haben darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, die Rollen von Erwachsenen und Kindern klar zu unterscheiden. So zum Beispiel Eva Zeltner mit ihrer Vermutung, dass Erwachsene, die sich wie Jugendliche benehmen, Ursache von Jugendgewalt sein könnten.
Dennoch ist das vorliegende Buch lesenswert, weil es unsere Sinne für pädagogische Fehlentwicklungen schärfen kann. Gerade der Berufsstand der sozial Tätigen ist anfällig für Schlagworte wie "Partizipation" und für Projektionen und Symbiosen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Ist es normal, gemeinsam mit Jugendlichen auszuhandeln, ob man im Jugendtreff Bier trinken kann oder nicht? Braucht es Kinderparlamente, um die Lokalpolitik einer Gemeinde mitzugestalten? Muss die Wirtschaft Ausbildungsplätze für Jugendliche bereit stellen, die ihren Tagesablauf gerne selber bestimmen und die das Leistungsprinzip grundsätzlich nicht anerkennen wollen?
Trotz etwas viel Pessimismus und reinen Vermutungen, die als Erkenntnisse ausgegeben werden: Lesens- und bedenkenswert. Das Buch stellt den Mainstream pädagogischen Denkens in Frage und regt dazu an, sich selber eine Meinung zu bilden.
Peter Marti, November 2008.