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Offene Jugendarbeit und die Krise der Moderne

Wolfgang Krieger, Jutta Mikulla. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung, 1994.


Ein lesenswertes Fachbuch, welches die Entwicklung der offenen Jugendarbeit seit den Siebzigerjahren nachzeichnet, sich mit der Situation von Jugendlichen in der "Postmoderne" auseinandersetzt und für eine situationsorientierte und akzeptierende Jugendarbeit plädiert.

Jugendarbeit vor Ort ist in unserem Land oft wenig theoriegebunden. Lokale Konzepte spiegeln öfter die persönlichen Neigungen der Mitglieder eines Gemeinderates, als die Theorien der Fachwelt. In Jugendarbeiterkreisen wird dennoch auch hierzulande gerne und engagiert darüber debattiert, wie Jugendarbeit aussehen müsste, aussehen könnte, aussehen muss. Das vorliegende Buch kann dabei helfen, sich über die eigene Situation als Jugendarbeiter, Jugendarbeiterin klar zu werden und es kann wertvolle Impulse zur persönlichen fachlichen Weiterentwicklung liefern. Dies, obwohl das Buch bereits bald 15 Jahre alt ist.

Nach einer einleitenden Beschreibung der sogenannten "Postmoderne" (Kapitel 1) zeichnen die beiden Autoren in einem ersten Teil (Kapitel 2/3) die Entstehung und die Merkmale der sogenannten "Bedürfnisorientierten Jugendarbeit" nach. Diese Theorie von Jugendarbeit prägte vor allem die Offene Jugendarbeit während rund eines Vierteljahrhunderts zwischen 1970 und 1995. Auch heute noch finden sich Postulate der "Bedürfnisorientierten Jugendarbeit" in vielen Jugendhauskonzepten und vor allem in vielen Köpfen von Jugendarbeitenden und Jugendkommissionsmitgliedern. Kein Wunder: Viele von uns sind in dieser Zeit gross und jugendarbeitsmässig sozialisiert worden. Allein dies ist ein Grund, sich mit dem vorliegenden Buch auseinanderzusetzen. Denn es zeigt schonungslos die blinden Flecken dieser Theoriekonzeption. Hauptsächlich die Problematik, dass die damals postulierten (sog. "objektiven) Bedürfnisse öfter jene der Erwachsenen waren, als jene der Jugendlichen.

In einem zweiten Teil (Kapitel 4/5) widmen sich die Autoren der Frage, wie Offene Jugendarbeit unter den Bedingungen der "Postmoderne" zu gestalten wäre. Dabei sympathisieren sie mit dem situationsorientierten Ansatz (HOPPE/STAPELFELD) und dem akzeptierenden Ansatz (KRAFELD). Diese Ansätze verzichten auf eine Pädagogisierung der Jugendarbeit und plädieren für eine Jugendarbeit, die aus der Situation heraus handelt, auf Aktivitäten verzichtet und die Beziehungen, die aktuelle Befindlichkeit der Jugendlichen und die Jugendcliquen in den Mittelpunkt stellt.

Meines Erachtens ist das vorliegende Buch unter anderem deshalb wertvoll, weil es den akzeptierenden Ansatz von KRAFELD nicht (wie leider oft vorschnell gemacht) nur für die Arbeit mit extremen Jugendkulturen fruchtbar macht, sondern von der Situation der "Postmoderne" her begründet. Dabei verweisen die Autoren auf heutige Formen der Identitätssuche bei Jugendlichen und zeigen, dass die Cliquenbildung eine "Bewältigungsstrategie von Jugendlichen in der heutigen Lebenswelt" ist, die gewürdigt werden soll und darf.

Zum Schluss des Buches empfiehlt das Autorenteam folgende vier Prizipien bei der künftigen Gestaltung von Offener Jugendarbeit zu beherzigen: Orientierung am (1) Sozialraum und am (2) Alltag der Jugendlichen. Berücksichtigung der von den Jugendlichen geschaffenen (3) Cliquen und Pflege von (4) Beziehungen an Stelle von Programmen, Aktivitäten und Themen.

Ein Buch, das auch bei langjährigen Berufsleuten für Aha-Erlebnisse und Nachdenklichkeit sorgen kann. Natürlich haben sich in den vergangenen 15 Jahren neue Herausforderungen an unsere Arbeit ergeben. Zu nennen wären die Entstehung einer virtuellen Welt im Internet und die Herausforderungen einer multiethnischen Gesellschaft. Geblieben - wenn nicht sogar verstärkt worden - sind jedoch die Individualisierung und Pluralisierung der postmodernen Epoche.

Anspruchsvoll, aber für Fachpersonen gut lesbar geschrieben, informativ, engagiert und sachkundig. Eigentlich Pflichtlektüre für alle, die heute in der Offenen Jugendarbeit tätig sind und sich für die Geschichte ihres Arbeitsfeldes interessieren.


TIPP: Eine Zusammenfassung der wichtigsten Buchinhalte findet man in der Rubrik [Offene Jugendarbeit].

Peter Marti, August 2008.

jugendarbeit.ch - erstellt: 17.08.08 - geändert: 14.06.10 - © 2010 by pm