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Vertrauen im Jugendalter: Theoretische Überlegungen und empirische Ergebnisse zur Vertrauensentwicklung bei 12- bis 21-jährigen.

Yves Cocard. Schulpädagogik, Fachdidaktik, Lehrerbildung Bd. VI, Paul Haupt Verlag, 2003.


Wem vertrauen Jugendliche? Das vorliegende Buch macht sich auf die Suche nach Vertrauenspersonen von Jugendlichen.

Vertrauen ist ein Grundprinzip der Erziehung und der sozialen Interaktion. Tragfähige, vertrauensvolle Beziehungen geben einen bedeutenden Rückhalt bei der Bewältigung von Lebensaufgaben. Trotzdem wird dem Thema "Vertrauen" in der Sozialpädagogik in der Regel nur wenig wissenschaftliche Bedeutung zugemessen. Gerne bezeichnen sich Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter zwar als Vertrauenspersonen für Jugendliche und anonyme Beratungsangebote für Jugendliche im Internet schiessen wie Pilze aus dem Boden. Doch ob diese Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner wirklich "Vertrauensobjekte" für Jugendliche im Pubertätsalter sind, bleibt offen.

Dasvorliegende Buch des Wissenschaftlers Yves Cocard macht sich auf die Suche nach dem Stellenwert von Vertrauen im Leben von Jugendlichen und spürt den individuell gestalteten Vertrauensbeziehungen junger Menschen nach. Im Mittelpunkt stehen dabei die Resultate einer empirischen Studie bei 914 Jugendlichen im Winter 1997/98, aber auch theoretische Aspekte aus Pädagogik, Psychologie und Soziologie.

Inhalt:

In einem ersten Teil des Buches (Kapitel 1-2) nähert sich der Autor dem Forschungsgegenstand von der Theorie her, was gar nicht so einfach ist, weil "Vertrauensforschung" im Bereich der Pädagogik ein eher vernachlässigter Wissenschaftszweig ist. Dabei hat bereits der grosse Pädagoge H. Nohl "Autorität und Vertrauen" als Fundament jeder pädagogischen Beziehung bezeichnet. Trotzdem wird von Yves Cocard viel Spannendes zusammengetragen, so unter anderem die eher auf Personvertrauen basierenden psychologischen Theoriemodelle (Erikson, Rotter, Selman, Schweer) und die das Systemvertrauen untersuchenden soziologischen Konzepte (Luhmann, Giddens, Earle&Cvetkovich, Sennett).

Der zweite Teil des Buches (Kapitel 3-4) widmet sich den Ergebnissen der vom Autor gemachten empirischen Studie bei rund 900 Jugendlichen, die im Rahmen des Nationalfondsprojektes "Zukunftsvorstellungen von Kindern und Jugendlichen" erhoben wurde. Erfragt wurde hier nicht das Vertrauen in Systeme (z.B. Politik, Schule, Kirche), sondern das interpersonale Vertrauen. Ein wichtiges Resultat der Studie: Die befragten Jugendichen haben ein hohes Vertrauen in Familie und Freunde. Lehrpersonen wird deutlich weniger vertraut. Kaum Bedeutung haben andere Personen aus dem lebensnahen Bereich wie Nachbarn. Rund 73% der Jugendlichen haben ein hohes Vertrauen in ihre Eltern, nur 5% fühlen sich von ihnen nicht unterstützt, 71 % vertrauen ihren Freunden, nur 7% haben wenig Vertrauen in sie. Ein hohes Vertrauen in Lehrpersonen haben immerhin 19% der Jugendlichen, 81% vertrauen ihnen jedoch wenig bis bedingt.

Eine Folgestudie - basierend auf einer Teilstichprobe der ersten Untersuchung - wollte die Vertrauenspersonen und -objekte der Jugendlichen detaillierter kennenlernen. Die Resultate: Auf Rang eins der Vertrauenspersonen steht die Mutter, gefolgt von der festen Freundin und den Eltern als Kollektiv. Lehrpersonen werden eher selten als Vertrauenspersonen genannt, noch weniger Leiterinnen und Leiter in einem Verein. Als Gründe für das Vertrauen werden v.a. die Verschwiegenheit, das Verständnis, die lange gemeinsame Geschichte und die dauernde Erreichbarkeit genannt. Ebenfalls gefragt wurde nach sog. "Misstrauenspersonen". Hier wird die Liste von "fremden Leuten", Freunden und Kollegen sowie Lehrpersonen angeführt.. Neben Personen wurden von den Jugendlichen auch Objekte als vertrauenswürdig genannt. Hier führen Haustiere (23) weit vor der Religion (7) und dem Tagebuch (5).

Im letzten Teil des Buches (Kapitel 5-6) wird einerseits eine dritte Studie vorgestellt, die an Hand von ausführlichen Portraits von Jugendlichen untersucht, wie unterschiedlich Vertrauen wahrgenommen wird und welche handlungsleitenden Folgen eine bestimmte Vertrauensauffassung haben kann. Andererseits präsentiert der Autor acht Thesen zur Vertrauensentwicklung bei Jugendlichen.

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Das Buch ist trotz wissenschaftlicher Fachsprache gut verständlich geschrieben und auch für den Laien lesbar. Im empirischen Teil ist man leider ohne Kenntnisse des statistikwissenschaftlichen Wortschatzes etwas hilflos. Hier helfen die Ergebnisskommentare und die hilfreichen Zusammenfassungen am Kapitelende, den Überblick zu behalten. Was hilft die Lektüre nun aber dem Jugendarbeiter, der Jugendarbeiterin? Zum einen gibt das Buch einen guten Einblick in die Gedankenwelt von Jugendlichen betreffend "Vertrauen", zum anderen relativiert es die Rolle der ausserfamiliären Kontaktpersonen in Bezug auf das Thema "Vertrauen". Nicht zuletzt aber zeigt es auf, welche Faktoren wichtig sind, wenn es gilt, das Vertrauen von Jugendlichen zu gewinnen: Vertrauen braucht Zeit, Vertrauen braucht Verschwiegenheit und Verständnis und vor allem: Vertrauen braucht auch Distanz. Übertriebener und forcierter Einsatz ist bei Jugendlichen eher kontraproduktiv.

Eine sinnvolle Lektüre für alle, die sich mit dem Thema "Vertrauen" eingehender befassen möchten.

Peter Marti, November 2003.

jugendarbeit.ch - erstellt: 30.11.03 - geändert: 03.08.09 - © 2009 by pm