Walter Hornstein. Materialien zur historischen Jugendforschung. Juventa-Verlag, 1999.

Eine Fundgrube für wissenschaftlich und historisch Interessierte, die heutige Fragestellungen in einen geschichtlichen Zusammenhang stellt.
Der Autor des vorliegenden Buches, Walter Hornstein, ist einer der renommiertesten Jugendforscher in Europa. Einst Professor in München, Mitarbeiter in der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates und heute Lehrbeauftragter an der Universität Zürich kennt er die Materie "Jugendforschung" wie kein Zweiter. Er präsentiert hier gesammelte Aufsätze und Reden aus drei Jahrzehnten zu den Themen "Jugendprobleme, Jugendforschung und Jugendpolitik". Wie im Vorwort angedeutet wird, erst nach langem Bitten seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterschaft.
Ein grundsätzliches Dilemma des Themenkreises "Jugendpolitik-Jugendforschung" wird von Hornstein gleich zu Beginn des Buches erwähnt: Wieso macht die staatliche Jugendpolitik so selten Gebrauch von der Jugendforschung und beklagt sich gleichzeitig, für wichtige Entscheidungen stünden zu wenig wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verfügung? Um dieses Dilemma kreisen denn auch nicht wenige der publizierten Texte in Hornsteins Buch. Eine Antwort auf die Frage findet man auf Seite 312: Jugendpolitik ist oft ein Spielball wechselnder Interessen und funktioniert deshalb weitgehend ohne Kenntnisnahme von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen. Kennen wir das nicht auch aus anderen Bereichen der Politik? Trotzdem schön, dass das hier sogar von einem Insider einmal deutlich gesagt wird.
Inhalt
I. Grundlagen und Programme der Politikberatung ( 3 Texte)
II. Jugendforschung für die Jugendpolitik (4 Texte)
III. Jugendforschung und Jugendpolitik in der Epoche der Neuen
sozialen Bewegungen und in der Risikogesellschaft (4 Texte)
IV. Jugend und Jugendpolitik nach der Wende, im europäischen
Einigungsprozess und angesichts des Transformationsprozesses der
Arbeitsgesellschaft (5 Texte)
Spannend an der Lektüre der Texte, die man sich selbstverständlich auch selektiv und nicht in der publizierten Reihenfolge zu Gemüte führen kann, waren für mich als Praktiker die dabei entstehenden "Aha-Erlebnisse", die jeweils dann eintraten, wenn ich in der Geschichte einen Bezug zur heutigen Zeit entdecken konnte. Die Lektüre des vorliegenden Buches ist nämlich vor allem auch ein Gang durch die Geschichte der Wahrnehmung der Jugend seit den späten Sechzigerjahren. Wurden einst die Jugendlichen (trotz Hippiezeit) noch als "Faktor und Motor gesellschaftlichen Handelns" gesehen, wurde "die Jugend" so etwa ab 1975 zum "Problem" (und verursachte damit einen Aufschwung in der Jugendforschung). Jugendarbeitslosigkeit war das erste einer Reihe von in der Öffentlichkeit wahrgenommenen "Jugendproblemen", es folgten "Drogen", "Sekten", "Alkohol", "Aussteiger". Pubertätsprobleme gab es zwar schon früher, doch diese spielten sich im geschlossenen Rahmen von Schule und Familie ab. Die neu wahrgenommenen "Jugendprobleme" hingegen erhielten durch ihre öffentliche Sichtbarkeit (Rocker, Junkies...) eine andere Dimension - und enthielten damit auch eine Aufforderung an die Politik "etwas dagegen zu tun". Zunächst wurde jedoch einmal geforscht, dann geschrieben und schliesslich ganz anders gehandelt, als von den Forscherinnen und Forschern empfohlen. Diese "Tragik" zieht sich erstaunlicherweise durch Jahrzehnte der Jugendforschung (und besteht, so die Ansicht des Rezensenten, auch heute noch...).
Die vielen weiteren "Aha-Erlebnisse" des Rezensenten können hier aus Platzgründen leider nicht alle aufgezählt werden. Da hilft nur: "Selber lesen!" Die einzelnen Texten im Buch sind übrigens durchwegs sehr sachkundig und erfreulich selbstkritisch verfasst. Man merkt: Hier kommt ein Insider zu Wort. Das merkt man zum Beispiel beim Artikel über die deutschen Jugendberichte (S.209ff.), deren Entstehung auf die sog. "Halbstarkenkrawalle" in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre zurückgeht. Hornstein hat diese (im deutschen Gesetz verankerten) Institution über Jahre hinweg kritisch beobachtet und kommentiert.
Das Buch hat auch zwei drei Nachteile: es ist sehr teuer und auf den ersten Blick wenig ansprechend durch seinen Umfang (432 Seiten!). Manchmal hat der Autor auch ein wenig Mühe, sich kurz zu fassen (obwohl es sich bei vielen Texten ursprünglich ja um Vorträge gehandelt hat), was den Nichtwissenschaftler mit beschränktem Zeitbudget ein wenig nerven kann. Immerhin ist der Sprachstil flüssig und auch für den Laien gut verständlich, was bei wissenschaftlichen Büchern ein besonderes Lob verdient!
Ein Grundlagenwerk für alle, die sich mit Jugendforschung befassen. Des Preises wegen wohl besser in der Bibliothek auszuleihen, als selber anzuschaffen.
Peter Marti, November 2000.