Stephan Kaiser-Creola (Hrsg.). NZN-Buchverlag AG, 2003.

Eine sehr gelungene, selbstbewusste Überblicksdarstellung kirchlicher Jugendarbeit in der katholischen Kirche.
Kirchliche Jugendarbeit in den Landeskirchen krankt vielerorts an mangelndem Selbstbewusstsein, unklarem Selbstverständnis und hilflosem Gejammer über fehlende Finanzen, uninteressierte Jugendliche, sture Behörden. In Jugendarbeitskreisen sind die Schuldigen an einer nichtfunktionierenden kirchlichen Jugendarbeit normalerweise schnell gefunden: die Pfarrpersonen, die Kirchenpflege, der Bischof, die Gesellschaft. Wer sich vom Lamentieren über den Niedergang kirchlicher Jugendarbeit anstecken lässt, übersieht bald einmal die Realität. Eine bunte, kreative Arbeit in doch recht vielen Gemeinden, die von motivierten Leiterinnen und Leitern geführt wird. Zwar manchmal etwas handgestrickt und hausbacken, dafür unbürokratisch, nahe bei den Kindern und Jugendlichen, engagiert, experimentierfreudig.
Das vorliegende Buch stellt solche positive kirchliche Jugendarbeit vor und bietet einen guten Überlick über gelingende Formen kirchlicher Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Schweiz. Kirchlich heisst in diesem Zusammenhang "katholisch", eine in den Augen des reformierten Rezensenten leicht überhebliche Beanspruchung des Wortes "Kirche", die dieser seinen katholischen Kolleginnen und Kollegen aber gerne nachsieht. Das Buch überzeugt nämlich in Form und Inhalt und bietet auch Impulse für die Jugendarbeit anderer Kirchen und religiöser Gemeinschaften. In diesem Sinn darf im Buchtitel durchaus von "kirchlicher Jugendarbeit" gesprochen werden, zumal eine ähnliche aktuelle Darstellung für die reformiert-kirchliche Jugendarbeit in unserem Land fehlt.
Inhalt:
Herausgeber Stephan Kaiser-Creola konnte für dieses Buch mehr als ein Dutzend Fachautoren gewinnen, die einzelne Beiträge aus ihrem Arbeitsbereich beisteuern. Was bei einem Sammelband dieser Art überrascht, ist die durchwegs hohe Qualität der Beiträge, die gepflegte und gut verständliche Sprache sowie die Vermeidung von Wiederholungen. Kurz gesagt: die Beiträge wirken koordiniert und einheitlich redigiert. Dies trägt (gemeinsam mit dem übersichtlichen Schriftsatz) dazu bei, dass sich das Buch leicht lesen lässt, ohne dass Langeweile aufkommt.
Besonders hervorzuheben sind meiner Meinung nach die Beiträge zu den Jugendgottesdienst-Modellen (M. Knopp, 55ff.), zur Firmung ab 17/18 (M. Holzmann, 83ff.), zur Ferienlagerarbeit (M.Scholten, 103ff.), zu Jugendtreffen (O. Dinichert, 113ff.), zur Verbandsjugendarbeit (B. Niederberger, 119ff.) und zu den offenen Jugendtreffs (K. Steiner, 127ff.). Auch die zu Beginn des Buches abgedruckte "Magna Charta kirchlicher Jugendarbeit" bietet spannende Lektüre - gerade auch für Leserinnen und Leser, die nicht der katholischen Kirche angehören.
Natürlich kann man dem Buch vorwerfen, es sehe quasi mit der rosaroten Brille auf die kirchliche Jugendarbeit. Problembereiche würden ausgeklammert. Bereiche wie der vielerorts kränkelnde schulische Religionsunterricht würden nicht behandelt. Tabuthemen wie "sexueller Missbrauch in der Jugendarbeit", "Macht", "Autoritätsproleme", "die Rolle der Frau in der katholischen Kirche" usw. würden sorgfältig umschifft. Vielleicht fehlt tatsächlich ein Beitrag zum Thema "Problemzonen kirchlicher Jugendarbeit". Grundsätzlich ist es aber klar zu begrüssen, dass die Mehrzahl der Artikel mit positivem Grundton verfasst worden sind. Gejammert wird schon genug.
Im Untertitel verspricht das Buch "Berichte, Reflexionen und Perspektiven". Während die beiden ersten Versprechen eingelöst werden, kommen die Perspektiven insgesamt ein wenig zu kurz. Von Zukunftsmodellen und Visionen ist im Buch wenig zu lesen. Die Autoren setzen im wesentlichen auf traditionelle Formen. Diese werden jedoch durchaus kritisch betrachtet und inhaltlich weiterentwickelt. Eigentlich ist es ja wohltuend, wieder einmal ein Buch über Jugendarbeit zu lesen, das auf das ganze Trendvokabular aktueller Sozialpädagogik verzichten kann und trotzdem nicht verstaubt oder altmodisch wirkt.
Zum Schluss: Was kann es Besseres geben, als durch eine Buchlektüre zur Optimierung der eigenen Arbeit inspiriert zu werden? Nach der Wochenendlektüre des vorliegenden Buches setzte sich der Rezensierende an seinen Computer und entwarf in 30 min. das zukünftige Konzept reformiert-kirchlicher Jugendarbeit in seiner Gemeinde. Ohne direkte Anleihen aus dem Buch, aber inspiriert durch den positiven und selbstbewussten Tenor der 172 Buchseiten. Besten Dank dem Herausgeber und den Autoren für diese Inspiration!
Eigentlich eine Pflichlektüre für alle kirchlichen Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter, nicht nur in der katholischen Kirche.
Peter Marti, Juni 2003.