Achtung. Verachtung: Unterrichtsmaterialien für die Oberstufe zu Rassismus, Nationalsozialismus, Rechtsextremismus und Reaktionen von Staat und Gesellschaft.

Rahel Beyeler. Luise Treu. Maria Zimmermann.

Verlag Pestalozzianum und BLMV, 2001.

Ein modernes Lehrmittel für die Oberstufe, das sich auf verschiedenen Ebenen mit den Themen "Rassismus" und "Rechtsextremismus" auseinandersetzt.

Die Medien malen seit rund zwei Jahren das Gespenst eines jugendlichen Rechtsextremismus in fetten Schlagzeilen an die Wand. Schnell folgt auf solche Schlagzeilen der Ruf an die Schule, dieses Problem durch die Aufnahme des Themas im Unterricht zu lösen. Einfach gesagt. Doch wie setzt der Lehrer und die Lehrerin am Ort diese Forderung im Unterricht um? Bisher fehlte ein modernes Lehrmittel zum Thema "Rassismus und Rechtsextremismus" für die Oberstufe. Die vorliegenden Broschüren unter dem Titel "Achtung. Verachtung." möchten dieses Manko nun beheben.

Inhalt:

"Volksschulen können die Gesellschaft weder vor Rechtsextremismus noch vor Rassismus bewahren, da die Wertebildung vorwiegend durch andere Sozialisationsinstanzen geleistet wird." Journalist Hans Stutz tönt das Grundproblem eines Lehrmittels gegen Rassismus bereits im Vorwort an. Ein weiteres Problem für den Unterricht ist, dass jugendlicher Rechtsextremismus häufig eine Reaktion auf Probleme im Sozialgefüge ist und oft eher einen Hilferuf darstellt und nicht eine Bedrohung für die Gesellschaft. Mit anderen Worten: Jugendliche wehren sich zum Beispiel gegen eine bedrohliche Ausländerclique am Ort mit rassistischen Sprüchen, nicht zuletzt, um die verantwortlichen Erwachsenen auf das Problem aufmerksam zu machen. Selbstverständlich meinen sie bei den als verachtenswert betitelten Ausländern aber nur bestimmte Personen und vertreten keine grundsätzlich rassistische Haltung. Ein Unterricht, der nun einseitig gegen "Rassismus und Rechtsextremismus" auftritt und die Probleme der Jugendlichen im täglichen Zusammenleben ausser Acht lässt, kann deshalb schnell kontraproduktiv wirken und von den Jugendlichen als einseitige Parteinahme für die ausländischen Jugendlichen aufgefasst werden.

Die Autoren von "Achtung. Verachtung." verstehen ihr Lehrmittel als Prävention (I,5) und möchten unter anderem Jugendliche stärken, die Fremdem schon tolerant und offen gegenüber treten. Die Unterrichtsmaterialien sollen aber auch als Denkanstösse für bereits rechtsgesinnte Jugendliche dienen. Das ganze Lehrmittel ist sehr übersichtlich aufgebaut und basiert auf dem heute auch in anderen Themenbereichen verbreiteten sogenannten "Werkstattunterricht". Bei dieser Unterrichtsform beschäftigen sich die Jugendlichen selbständig mit einem Themenkomplex und arbeiten sich an Hand eines Arbeitspasses durch die einzelnen Aufgaben. Die Umsetzung der Werkstatt sollte keine nennenswerten Probleme bieten. Neben Kopiervorlagen wird auch ein Arbeitspass zum Vervielfältigen zur Verfügung gestellt. Die einzelnen Aufgaben sind einfach und klar formuliert, sowie attraktiv illustriert.

Wichtig neben dem Werkstattunterricht ist aber auch das Klassengespräch. Gerade bei diesem Thema sollte der Austausch über die in der Einzelarbeit aufgeworfenen Fragen nicht allein auf dem Pausenplatz stattfinden. Im Heft I des Lehrmittels werden einige gute Hinweise gegeben, wie mit der ganzen Klasse gearbeitet werden kann. Wichtig ist hier, dass sich die Lehrkraft selber bereits vorgängig eine Meinung zum Thema gebildet hat, um sich der Diskussion mit den Jugendlichen offen stellen zu können.

Ein Lehrmittel gegen Rassismus und Rechtsextremismus mag noch so attraktiv und modern sein. Für den praktischen Unterricht tauchen unweigerlich einige Fallen auf, denen die Lehrkraft zum Opfer fallen kann und deren Folge ist, dass der Unterricht kontraproduktiv wird:

Grundsätzlich ist das vorliegende Lehrmittel ein positiver Versuch, das Thema "Rassismus und Rechtsextremismus" in den Oberstufenunterricht einzubringen. Die Jugendlichen lernen viel Spannendes und bekommen Gelegenheit, ihre Ansichten zum Thema in den Unterricht einzubringen. Werden die Lektionen von einer engagierten Lehrkraft gestaltet, kann tatsächlich Prävention stattfinden, wie dies das Autorenteam beabsichtigt hat.

Ein hauptsächlicher Mangel von "Achtung. Verachtung." ist hingegen, dass die Cliquenthematik, die das Leben der Oberstufenjugendlichen ausserordentlich prägt, weitgehend ausgeblendet wird. Ob sich eine Jugendlicher zur Skinszene oder zu den Hooligans zählt, hat meist wenig mit Rassismus zu tun, sondern mit der Identitätsthematik, welche die Pubertätszeit prägt. Diese Identifikationen werden heute bereits in der Primarschulzeit herangebildet. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema "Cliquen" hätte das Lehrmittel zum Rechtsextremismus bereichert und hätte seinen Platz im Abschnitt zum Thema "Skinheads" finden müssen. A Propos Skinheads: Hier sind die Autorinnen ziemlich tief in die Dämonisierungsfalle (s.o.) getreten und bereichern die sonst in sachlichem Ton gehaltene Broschüre mit eher unsachlichen Adjektiven und Zuschreibungen. Das kann bei Jugendlichen schnell kontraproduktiv wirken.

Auch nach der Lektüre aller 5 Bände von "Achtung. Verachtung" bleibt die Frage, ob moralische Werturteile mittels Informationsvermittlung verändert werden können. Immerhin lohnt sich der Versuch. Beruhigend ist zu wissen, dass der häufigste Ausstiegsgrund von jungen Skins die Freundin ist. Ein Ausstieg klappt also auch, wenn im Unterricht keine erfolgreiche Rassismusprävention stattgefunden hat. Häufige Einstiegsgründe wiederum gibt es viele: soziale Desorientierung, Mitläufertum in einer Clique, Freude an Action, Probleme mit der männlichen Geschlechtsidentifikation usw. Eher weniger ist es die "fehlende Sachinformation", der dieses Lehrmittel entgegenwirken soll. Eine Chance sieht der Rezensierende (der beruflich sowohl mit jungen Ausländern wie jugendlichen Skinheads arbeitet) vor allem in der Sensibilisierung des Durchschnittsjugendlichen für das Thema "Rassismus". Ebenfalls sehr gelungen, die Werkstatt zum Nationalsozialismus - einer geschichtlichen Epoche, die für den heutigen Jugendlichen weit zurückliegt und zu der selbst überzeugte Skinheads wenig Sachwissen auszuweisen haben.

Auch wenn wir nach wie vor skeptisch sind, ob sich politische Einstellungsänderungen durch Unterricht erzielen lassen, kann jugendarbeit.ch die vorliegenden Hefte als Versuch empfehlen, mit Jugendlichen über das Thema "Rassismus" ins Gespräch zu kommen.

FAKTEN

BEZUG

Format: A4. Fünf Hefte.
sFr. 48.00. EUR 32.00.
Zürich: Verlag Pestalozzianum und Bern: BLMV, 2001.
ISBN 3-907526-90-2.
ISBN 3-292-00230-3

Oder bei: Verlag Pestalozzianum, Lernmedien-Shop, Stampfenbachstr. 121, CH-8006 Zürich oder Berner Lehrmittel- und Medienverlag, Güterstr. 13, CH-3008 Bern.

WERTUNG

HINWEISE

Optik: sehr ansprechend, modern.

Inhalt: Lehrmittel.

Nutzen: wenn der Werkstattunterricht mit Klassengesprächen ergänzt wird, hoch.

Einsatz: Schulunterricht (Geschichte, Deutsch, Mensch und Umwelt, Religionsunterricht, Lebenskunde usw.)

jugendarbeit.ch vertreibt selber keine Arbeitshilfen. Wende dich für den Bezug dieses Buches an die angegebene Bezugsquelle.

Für alle Hinweise zur Aktualisierung dieser Angaben sind wir dankbar!

© 2002 by pm

Peter Marti, März 2002.

jugendarbeit.ch - erstellt: 17.01.02 - geändert: 26.04.05 - © 2005 by pm