Nazis sind Pop.

Burkhard Schröder.

Espresso Verlag, 2000.

Ein angriffiges, zum Teil etwas zu polemisch geratenes und doch wichtiges Buch zur Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus in Deutschland (und auch der Schweiz!).

"Ein typischer Journalist halt." So mein Fazit nach einigen Dutzend Seiten Lektüre in Burkhard Schröders (*1952) neuem Buch «Nazis sind Pop». Was einem da an bissigem Spott und vernichtender Kritik entgegenkommt, braucht starke Nerven. Politikern von links bis rechts, Jugendschützern, Medienschaffenden, Pädagogen, Wissenschaftlern und Engagierten aller Art werden Naivität, blinder Aktionismus, Halbwahrheiten und Pseudowissenschaftlichkeit vorgeworfen. Das Problem einiger Journalisten - und Burkhard Schröder scheint dazuzugehören - ist einfach: sie wissen alles besser und schreiben das auch noch.

Schade, denn die grundlegende These des vorliegenden Buches ist ebenso bedenkenswert wie scharfsichtig. Sie besagt, dass der heute öffentlich sichtbare gewalttätige Rechtsextremismus seine tieferen Wurzeln in einem gesellschaftlich verankerten Rassismus hat. Aus diesem Grund lohnt es sich auch nicht, wegen rechtsextremen Internetseiten in Hysterie auszubrechen oder mit Parolen gegen Rechts an die Öffentlichkeit zu treten. Das Übel müsste vielmehr an der Wurzel angepackt werden. Wie das genau zu geschehen hätte - darüber schweigt sich Autor Burkhard Schröder leider aus. Und das ist, neben den obengenannten Rundumschlägen ein zweiter Mangel des Buches «Nazis sind Pop».

Doch vorläufig genug der Kritik. Das Buch wird hier ja vorgestellt, weil es lesenswert ist. "Wer nicht begreift, was das Problem ist, wird auch keine Lösung dafür finden (S.21)", schreibt Schröder. Auf der Suche nach Lösungen für das Problem des Rechtsextremismus sind momentan Viele, ob sie alle das Problem selber kennen, ist fraglich. Grund genug, sich zusammen mit dem Autor des Buches auf die Suche nach des Pudels Kern zu machen.

Die Diskussion in Deutschland über das Thema "Rechtsextremismus" ist von Mythen geprägt. Diesen Mythen kommt man zum Beispiel auf die Spur, wenn man die gängige Sprache in Medien und Politikerreden untersucht. Wie werden die Begriffe "Nation", "Ausländer", "Kultur" oder "Integration" gebraucht? Warum wird "Rassismus" normalerweise als "Ausländerfeindlichkeit" verharmlost? Ist "Toleranz" oft nicht einfach verkappter Paternalismus? Und: Weshalb definierte sich Deutschland schon immer als Nation auf einer ethnischen Ebene und nicht als Menge der Menschen, die innerhalb der Landesgrenzen mit einem deutschen Pass leben? Fragen, die zum Nachdenken anregen und zum genauen Lesen der vielen Meldungen, die unserer Tage zum Thema "Ausländerfeindlicheit" durch den Blätterwald rauschen. Fragen auch, die Burkhard Schröder auf die Spur gebracht haben, einen allgemeinen gesellschaftlichen Rassismus als Grund für den gewalttätigen Rechtsextremismus zu orten.

Schröder nennt als eine der Hauptquellen für Rassismus den "ethnisierten Begriff der deutschen Nation (S.15)". Diesen Begriff würden auch jene Politikerinnen und Politiker verwenden, die sich zur Zeit vehement gegen die rassistischen Gewalttaten in Deutschland aussprechen. Es bestehe jedoch ein direkter Zusammenhang zwischen der Politikeraussage "Es hat zu viele Ausländer in unserem Land" und den realen Hetzjagden auf fremdländisch aussehende Menschen in Deutschland. Und solange solche Reden nicht aufhörten, würde auch die Gewalt gegen Fremde kein Ende nehmen. Dagegen nützten auch die von Rechts bis Links geforderten Verbote und Einschränkungen der freien Meinungsäusserung nichts.

Das Kernproblem beim aktuellen Rechtsextremismus sieht Schröder darin, dass die "Nazi-Kultur" im heutigen Deutschland keine Minderheitenkultur mehr sei. Die glatzköpfigen Skinhead-Schläger seien nur eine kleine auffällige Minderheit unter den Nazis. Die rassistische Kultur sei Teil des kulturellen Mainstreams. Nazis seien Pop(ulärkultur). Das aber sei noch kaum erkannt worden und deshalb zielten auch die meisten Initiativen gegen Rechts ins Leere. Es gebe keine Gewalt, weil es Nazis gebe, sondern umgekehrt: Nazis gebe es, weil die Ursachen rassistischer Gewalt nicht benannt, geschweige denn bekämpft würden.

Geradezu offensichtlich zeige sich diese "Nazi-Kultur" in der heutigen Gesellschaft in der Musikszene. In fast jeder musikalischen Subkultur in Deutschland habe sich ein rechtes Segment gebildet (z.B. im Black Metal, im Deutschrock, bei Liedermachern, im Gothic oder im Industrial-Techno). Anspielungen in Namen von Bands (z.B."Strenght Trough Joy"), Liedtexten (zitiert werden Ernst Jünger oder Friedrich Nietzsche) oder in der Ikonographie von Musikvideos (z.B. Leni Riefenstahl bei Rammstein) zeigten die Vermischung von nationalsozialistischer Ideologie und heutiger Populärkultur. Gefährlich sei dies, weil die aktuellen rechtsextremen Subkulturen ihre Politik so in die Köpfe der Menschen transportierten. Gefragt seien nicht mehr Parteiprogramme oder Manifeste, sondern Musik, Sprachcodes, Ikonografie. In der Pubertät sei Zugehörigkeit zum Mainstream besonders wichtig. Gerade deshalb sei die Ikonografie so gefährlich. Das kleinste gemeinsame Vielfache zwischen Schülern mit diffuser rechter Orientierung sei die offen und offensiv vertretene Ungleichheit von Menschen, aus der sich alle anderen Feindgruppen ableiten liessen: vermeintliche "Ausländer", "Zecken", Juden, Behinderte. (S.135) Wer sich dagegen wehre, werde von der Mehrheit in die Marginalität gedrängt.

Buchautor Burkhard Schröder beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem Thema "Rechtsextremismus". Er kann deshalb sachkundig aus dem Vollen schöpfen. Spannend vor diesem Hintergrund fand ich zum Beispiel das Kapitel über die "Skinhead-Kultur", wo eine bestimmte Kleiderordnung, verkappte Homoerotik und ein verklärter Arbeitermythos mit einer Musikkultur vermengt werden, die ursprünglich afrokaribische Wurzeln hat. Recht hat Schröder bestimmt auch in seinen Ausführungen zum Internet, wo heute ein hysterischer Umgang mit dem Phänomen rechtsextremer Homepages gepflegt wird. Laut Schröder ist der Kampf gegen die Meinungsfreiheit im Netz sowieso aussichtslos und deshalb überflüssig.

Wofür tritt denn nun aber Autor Schröder ein. Was soll derjenige tun, der das Problem erkannt hat? Wo liegt die Lösung? Die Ausbeute bei der Buchlektüre ist diesbezüglich mager. Ein starkes Eintreten für eine vermehrte Einbürgerung von Ausländern und gegen die Entstehung einer Schicht von sogenannten "Zweitklassmenschen" in unserer Gesellschaft, kann zwischen den Zeilen als eine Forderung Schröders entdeckt werden. Ansonsten überlässt uns Schröder einer fatalistischen Weltsicht: Die Nazikultur wird ihre Opfer fordern, aber die Veränderung in der Zusammensetzung der Bevölkerung wird sie nicht aufhalten können. Die Veränderung wird geschehen - ob die Deutschen es wollen oder nicht. Die Ausländer selber werden nämlich unsere Gesellschaft verändern. Etwas wenig Rat für Leute, die auch gerne etwas zur Veränderung der Gesellschaft beitragen wollen. Eher bedrohlich auch, falls das Ganze nicht mit wenigen Opfern über die Bühne geht, sondern als "molekularer Bürgerkrieg", wie ihn Hans Magnus Enzensberger auf uns zukommen sieht.

Zum Schluss noch ein Wort zum Stil und Aufbau des Taschenbuches. Für meinen Geschmack schweift Schröder zu oft vom Hauptthema eines Kapitels ab, verrennt sich häufig in Details und die Gedankengänge verlieren sich dann in chaotischer Unübersichtlichkeit. Dies geschieht vor allem dann, wenn sich Schröder ins Feuer redet. In diesem Fall folgen jeweils soviele Beispiele für einen falschen Umgang mit einem Phänomen, dass die ursprüngliche These des Autors zu sehr in den Hintergrund gerät. Stellenweise ist die Lektüre deshalb ziemlich mühsam. Zwischendurch gelingt dem Autor dann aber wieder so flüssige und lesefreundliche Schreibe, dass diese angenehmen Seiten, den Leser über die 159 Buchseiten hinwegretten.

Empfehlenswert für alle, die ihre vorgefasste Meinung zum Thema "Rechtsextremismus" hinterfragen lassen wollen und genügend Ausdauer haben, sich auch ein nicht immer einfach lesbares Buch zu Gemüte zu führen.

FAKTEN

BEZUG

Format: 13x20 cm.
159 Seiten.
DM 24.90.
Berlin: Espresso, 2000.
ISBN 3-88520-779-6.

WERTUNG

HINWEISE

Optik: lesefreundlicher Schriftsatz und gelungenes Umschlagfoto.

Inhalt: stellenweise chaotisch, durchgehend provokativ, angriffig, aber m.E. sehr zutreffend.

Nutzen: stellt eigene (liebgewonnene) Positionen in Frage und hilft bei der Suche nach dem Durchblick in dieser Sache.

Einsatz: persönliche Lektüre.

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Für alle Hinweise zur Aktualisierung dieser Angaben sind wir dankbar!

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Peter Marti, November 2000.

jugendarbeit.ch - erstellt: 23.11.00 - geändert: 26.04.05 - © 2005 by pm