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Animation: der Sinn der Aktion

Jean-Claude Gillet. (Übersetzt von: Heinz Wettstein)

Luzern: Verlag für Soziales und Kulturelles, 1998 (Originalausgabe: 1995)


Ein stellenweise schwer lesbarer Wälzer zur Frage nach den theoretischen Grundlagen der soziokulturellen Animation.

Vor genau zehn Jahren ist Jean-Claude Gillets Grundlagenwerk zur soziokulturellen Animation in der deutschen Übersetzung erschienen. Dessen Lektüre ist eine anstrengende Sache. Es gilt sich durch 370 Seiten zu kämpfen, die vom Stil her nicht zur Kategorie "leicht lesbares Fachbuch" gehören. Gillets Stil ist ausschweifend und gespickt mit Fremdwörtern und (zum Teil sehr eigenwillig eingesetztem) Fachvokabular. Ab und zu lamentiert der Autor mehrere Buchseiten lang über die französische Sozialpolitik - keine besonders spannende Lektüre für den Leser, die Leserin aus der Schweiz. An anderen Stellen hat man das Gefühl, das Gillet sein ganzes persönliches Wissen in dieses Buch packen will: Philosophie, griechische Götter, Soziologie, Politologie ... alles findet seinen Platz im vorliegenden Werk, allerdings stellenweise recht zusammenhangslos.

Macht man sich jedoch die Mühe, Gillet auf seiner Suche nach einer praxisbasierten Theorie der Animation zu folgen, stösst man mitten in der unendlichen Bleiwüste seitenlanger Abhandlungen immer wieder auf Rosinen und verborgene Schätze, welche Mut geben, die Lektüre fortzuführen. Aha-Erlebnisse, Schmunzeln und das Gefühl: "Ja, genau so ist es!" oder (romantischer gesagt) ein stetes Aufblitzen der Wahrheit am Horizont helfen, die Strapazen der Lektüre zu ertragen.

"Man darf dieses Buch nicht zusammenfassen!" warnt Jacques Ion im Vorwort zum vorliegenden Buch. Und er hat recht: die lange Wanderung auf steilen Pfaden, hinunter in Abgründe und hinein in Sackgassen, welche die Lektüre von "Animation" darstellt, lässt sich nicht zusammenfassen. Man kann lediglich einige Erlebnisse erzählen und einige Bilder zeigen.

Aufgabe der Animation und der Animator(inn)en
Was ist eigentlich die Aufgabe der Animation? Dieser Frage geht Gillet in seinem Buch nach und wählt auf seiner Suche unterschiedliche Zugänge zum Thema. Einmal nähert er sich von einem wissenschaftlichen Standpunkt (z.B. dem psychologischen oder soziologischen), ein anderes Mal von einem historischen, dann wiederum von einem praktischen Standpunkt. Die mit diesem Vorgehen gewonnenen Erkenntnisse misst Gillet laufend an der Berufspraxis und korrigiert seine Theorien falls notwendig von Kapitel zu Kapitel. Im Rahmen dieser Erkundung des Berufsfeldes Animation weist Gillet immer wieder auf Dialektiken hin, die im Berufsalltag Kopfzerbrechen bereiten. Soll Animation systemverändernd oder systemstützend wirken? Steht das Individuum oder die Gruppe im Vordergrund? Ist der Animator seinem Arbeitgeber oder der Quartierbevölkerung verpflichtet? Soll die Animatorin Projekte "produzieren" oder auf Anregungen der Zielgruppe warten?

Beeindruckt hat mich Gillets Unvoreingenommenheit beim Blick auf seinen Forschungsgegenstand. Er stellt die wirklich wichtigen Fragen unseres Berufs und kann offensichtlich damit leben, dass nicht alle Fragen mit ja oder nein beantwortet werden können. Interessant finde ich auch die dialektische Arbeitsweise Gillets. Kaum hat er eine These entwickelt, hinterfragt er sie gleich selber, um zu einer neuen These zu kommen, die dann ebenfalls wieder hinterfragt wird.

Und zu welchem Schluss kommt das Buch bezüglich der Aufgabe der Animation? Passend für die Arbeitsweise von Jean-Claude Gillet zu einem dialektischen Modell, welches auf 4 Polen beruht. Der Animator, die Animatorin befindet sich im Berufsalltag gleichsam in einer dreieckigen Pyramide und bewegt sich je nach Situation zwischen den 4 Ecken der Pyramide. Deren Bezeichnungen lauten: Fachlichkeit/Technik, Militanz/Moral, Politik/Sozialer Bezug/Sinn, Mediaktion. Um die Begriffe in ihrer Bedeutung zu verstehen, ist aber selbstverständlich die Lektüre des Buches notwendig.

Soll man das Buch von Gillet zur Lektüre empfehlen? Nicht geeignet ist es sicher für Studierende, die auf der Suche nach einem kurzen Überblick über das Berufsfeld Animation sind. Das Buch bietet sich eher für Fragende, Tüftlerinnen und Tüftler, Forscherinnen und Forscher an, welche bereits einige Jahre Berufserfahrung in der Animation besitzen und sich wieder einmal mit den Grundlagen ihres Berufes auseinandersetzen möchten.

Auch zehn Jahre nach seinem Erscheinen ist "Animation" noch ein lesenswertes Buch. Es stellt die richtigen und wichtigen Fragen. Wer gerne selber denkt, ist mit diesem Buch gut beraten. Wer es gerne einfach und übersichtlich hat, der sei vor einer Lektüre gewarnt.


TIPP: Eine Zusammenfassung der wichtigsten Buchinhalte (inkl. Grafiken, Tabellen, Zitate) findet man in der Rubrik [Soziokulturelle Animation, Gemeinwesenarbeit].

Peter Marti, August 2008

jugendarbeit.ch - erstellt: 12.08.08 - geändert: 25.10.09 - © 2009 by pm