Schulsozialarbeit: Antworten auf veränderte Lebenswelten.

Matthias Drilling. Paul Haupt Verlag, 2008 (4. Auflage).


Das erste Buch zu "Schulsozialarbeit in der Schweiz" bietet einen gelungenen Überblick über alle relevanten Fragestellungen, beachtenswerten Problemfelder und aktuellen Modelle von Sozialarbeit an der Schule.

Der Kontext des Erwachsenwerdens hat sich für Jugendliche in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Stichworte dazu sind: Risiko- und Multioptionsgesellschaft, Leistungdruck, veränderte Familienstrukturen oder menschenfeindliches Wohnumfeld. Dass sich diese Veränderungen auch auf die Schule auswirken, wo Kinder und Jugendliche immerhin über 20'000 Stunden ihres Lebens verbringen, ist klar. In der Vergangenheit wurde die Verantwortung für den Umgang mit dieser veränderten Situation oft der einzelnen Lehrkraft übertragen. Dies ist eigentlich unverantwortlich. "Hier ist die Institution Schule gefordert, umsetzungsorientierte Konzepte und konkrete Hilfestellungen zu entwickeln und so Herausforderungen, die aus dem gesellschaftlichen Wandel heraus entstehen, zu beantworten", schreibt Matthias Drilling im Buch "Schulsozialarbeit - Antworten auf veränderte Lebenswelten". Drilling ist Sozialgeograph und erforscht als Dozent an der Fachhochschule für Soziale Arbeit beider Basel die Themen "Schulsozialarbeit", "Jugend und Gewalt" sowie "Jugendarmut im städtischen Kontext". Unter anderem ist er Initiant der Schweizer Website schulsozialarbeit.ch, die viele Materialien zum Download anbietet.

Inhalt

Das vorliegende Buch ist das erste seiner Art in unserem Land, was wohl damit zusammenhängt, dass Projekte der Schulsozialarbeit in der Schweiz erst seit wenigen Jahren in grösserem Umfang umgesetzt werden. Im vierten Kapitel gibt Autor Matthias Drilling einen Überblick über die schweizerischen Projekte und wissenschaftlichen Beiträge. Dabei erweist er sich als guter Kenner der Materie. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die Forschungsergebnisse von Lehrer- und Elternbefragungen, die wichtige Aspekte gelingender Arbeit für unser Land aufzeigen. Schade ist es, dass die publizierte Tabelle schweizerischer Projekte nicht dem aktuellen Stand entspricht, sondern die Projekte auf dem Stand von 1999 auflistet.

Die vorangehenden Kapitel widmen sich allgemeinen Fragen des Erwachsenwerdens heutiger Jugendlicher, sowie den zur Zeit diskutierten Modellen von Schulsozialarbeit. Im ersten Kapitel findet man eine Zusammenstellung der heutigen Kontexte, die das Leben der Jugendlichen prägen. Hier wird klar, dass die Lebenssituation von jungen Menschen heute sehr viel spannungsreicher und konfliktgeladener ist, als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

Das zweite Kapitel stellt die drei in der Wissenschaft diskutierten Grundpositionen von Schulsozialarbeit dar: Sozialarbeit in der Schule, Sozialpädagogik in der Schule und sozialpädagogische Schule. Autor Matthias Drilling gelingt es, diese klar und sachlich zu beschreiben. Sachlichkeit ist im Übrigen ein Grundzug des vorliegenden Buches. Keine Selbstverständlichkeit in einer Welt der Wissenschaft, die vielerorts von Polemik gegen Positionen geprägt ist, die nicht der eigenen entsprechen. Besonders hilfreich in diesem Kapitel ist die tabellarische Zusammenstellung der Grundpositionen auf den Seiten 46-47.

Das folgende dritte Kapitel widmet sich neueren Entwicklungen der Schulsozialarbeit, wie sie im Zusammenhang mit der "Entdeckung der Lebensweltorientierung" durch Hans Thiersch in den späten Achziger- und frühen Neunzigerjahren entstanden sind. Hier fällt dem Rezensierenden auf, dass Bundesdeutsche Modelle etwas gar ausführlich zu Wort kommen, amerikanische oder weitere europäische Modelle fehlen. Das entspricht nicht ganz dem auf der hinteren Buchumschlagseite abgedruckten Versprechen, "Erfahrungen aus anderen Ländern (Plural!)" darzustellen. Im besten Fall handelt es sich dabei um "Bundesländer". Trotzdem ist dieses Kapitel spannend, denn aus den in Deutschland gemachten Erfahrungen kann auch die Schweiz bei der Einführung eigener Modelle lernen.

Sein eigenes Modell präsentiert Matthias Drilling unter dem Titel "Integrationsorientiertes Konzept von Schulsozialarbeit" im fünften Kapitel des Buches. Im Gegensatz zu anderen Konzepten betont Drilling, dass Schulsozialarbeit ein eigenständiges Handlungsfeld der Jugendhilfe sei, das mit der Schule in formalisierter und institutionalisierter Form zusammenarbeite. Schulsozialarbeit setze sich zum Ziel, Kinder und Jugendliche im Prozess des Erwachsenwerdens zu begleiten und sie bei der Lebensbewältigung zu unterstützen. Drilling plädiert also für ein Miteinander zweier selbständiger Kompetenzfelder: Soziale Arbeit und Schulpädagogik. Um sein Modell in die Praxis umzusetzen, weist Drilling auf sechs Grundsätze hin, die unbedingt zu berücksichtigen seien: Prävention, Ressourcenorientierung, Beziehungsarbeit, Prozessorientierung, Methodenkompetenz und Systemorientierung.

Hauptzielgruppe der Schulsozialarbeit sind gemäss Autor Matthias Drilling die Kinder und Jugendlichen. Dies zu betonen ist wichtig, denn in der Praxis haben auch Lehrerschaft, Eltern, Behörden und Öffentlichkeit eine Bedeutung. Diese besitzen jedoch andere Rollen als jene des "Klienten". Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel sind "Fachpersonen", mit denen über einen Klienten gesprochen wird und sind selber keine "Klienten" des Schulsozialarbeiters. Drilling grenzt sich in seinem Modell auch klar davon ab, Schulsozialarbeit als "Schulentwicklung" zu verstehen. Schulentwicklung sei eine Aufgabe der Lehrerschaft und der Schulpädagogik, nicht der Sozialen Arbeit.

In einem sechsten Kapitel wird anschliessend auf die zwei wichtigsten Arbeitsweisen der Schulsozialarbeit eingegangen: das Beratungsgespräch und die soziale Gruppenarbeit. Auch strukturellen Fragen bezüglich der Kooperation mit anderen Fachstellen wird Aufmerksamkeit geschenkt. Die in den Kapiteln fünf und sechs präsentierten Schematas eignen sich übrigens hervorragend als "Kopiervorlagen" für Schulsozialarbeiter, die in Vorträgen oder schriftlichen Dossiers ihre Arbeitsweise einer Behörde oder einem Lehrerkonvent darstellen müssen. Die Schulsozialarbeiter-Kollegen des Rezensierenden erarbeiteten bisher solche "Papers" in mühsamer eigener Arbeit.

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Das vorliegende Buch gefällt als Ganzes und bietet einen gelungenen Überblick über die für die heutige Schulsozialarbeit relevanten Fragestellungen. Ein besonderes Lob verdient der gut verständliche Schreibstil des Autors. Keine Selbstverständlichkeit für ein Fachbuch, schon gar nicht für eines aus dem pädagogischen Bereich. Auf unnötige Fachsprache wurde weitgehend verzichtet. Trotzdem stellt sich das Buch nicht populärwissenschaftlich oberflächlich dar, sondern wissenschaftlich reflektiert .

Worüber man sich streiten kann, ist die Ästhetik des Umschlagfotos. Mich hat es überhaupt nicht angesprochen. Vielleicht spricht das klischeehafte Foto mit Kind und Schulwandtafel aber gewisse Reflexe bei Lehrpersonen an, die sich dann zum Kauf des Buches entschliessen. Das wiederum ist ja auch nicht schlecht, wenn man den guten Inhalt des Werkes bedenkt.

Zum Schluss noch der "schönste" Satz aus dem Buch von Matthias Drilling. Man findet ihn im Einleitungsteil, wo der Autor das eigentliche Ziel von Schulsozialarbeit beschreibt. Diese soll Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, "in der Gesellschaft ihren Platz zu finden. Einen Platz an dem sie sich wohl fühlen und von wo aus sie die Kraft schöpfen, ihr Leben in einer sie befriedigenden Form zu leben. Nur darum geht es. Nicht um das Wohl der Lehrkräfte oder der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, der Eltern oder Freunde, der Politikerinnen oder der Wissenschaftler." - Dem ist nichts mehr beizufügen.

Das Buch verdient eine uneingeschränkte Kaufempfehlung. Es eignet sich für alle, die sich einen Überblick über das Fachgebiet "Schulsozialarbeit" verschaffen wollen.

Peter Marti, Oktober 2001.

jugendarbeit.ch - erstellt: 14.10.01 - geändert: 04.08.09 - © 2009 by pm