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Arbeitsmarkt und Arbeitsbedingungen in der offenen Jugendarbeit

Interview aus Sozial Aktuell 1/2008 mit Patrick Stark, Präsident DOJ.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt der Jugendarbeiter/innen ein?

Jugendarbeitende müssen für ihre anspruchsvolle Aufgabe gut ausgebildet sein. Wir stellen bei den Arbeitgeber/innen heute ein verstärktes Bewusstsein fest, dass Jugendarbeitende eine adäquate Ausbildung in Sozialer Arbeit brauchen. Allgemein nehmen wir einen Trend wahr, neue Jugendarbeitsstellen einzurichten. Dadurch gibt es relativ viele offene Stellen. Besonders in ländlichen Regionen sind diese jedoch aufgrund der geographischen Lage nur schwer adäquat zu besetzen. Leider fehlt es immer noch vielerorts an geeigneten Konzepten und Strukturen, die ein professionelles Arbeiten ermöglichen. Einzelstellen und “Zwergpensen" von 30% oder sogar nur 15% sind in einigen Regionen immer noch keine Seltenheit. Solche problematischen Rahmenbedingungen der Stellen bewirken dann eine hohe Fluktuation, was zu einem stetigen Verlust an Know-How führt.

Die Lohnsituation ist sehr unterschiedlich. So gibt es Kantone, in denen Jugendarbeitende bezüglich Lohn per se als Sozialpädagogen HF eingestuft werden, was sich negativ auf das Lohnniveau auswirken kann. Jugendarbeitende sollten jedoch entsprechend ihrer effektiven Ausbildung und Funktion einstuft und damit den hohen Anforderungen dieser Aufgabe gemäss honoriert werden.

Wir stellen fest, dass die sich stark entwickelnde Schulsozialarbeit ein beliebtes Feld zum "Umsatteln" ist. Dies trifft besonders für die sehr gut qualifizierten Jugendarbeitenden zu. Es kann für Jugendarbeitende demotivierend sein, dass es in diesem Arbeitsfeld kaum Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten gibt: Hierarchien sind nur schwach ausdifferenziert. Teamleitungsfunktionen und Jugendbeauftragtenstellen in politischen Gemeinden sind nur beschränkt vorhanden. Geschäftsleitungstätigkeiten in grösseren Trägerschaften und Stellen bei kantonalen Dach- und Fachstellen sind noch seltener.

Gibt es bezüglich der Arbeitsbedingungen in der Jugendarbeit drängende Probleme, wichtige Entwicklungen, die Ihren Verband zur Zeit besonders beschäftigen?

Im Moment entspricht zum einen das Ausbildungsangebot nicht dem Bedarf. Der Ausbildungsstand der Jugendarbeitenden ist äusserst heterogen. Es sind sehr gut qualifizierte Personen (Soziale Arbeit/soziokulturelle Animation/Sozialpädagogik FH) in der Jugendarbeit tätig. Jedoch hat eine Erhebung der okaj zürich 2006 für den Kanton Zürich ergeben, dass rund 40% der Jugendarbeitenden nur ungenügend für ihre Tätigkeit ausgebildet sind. Dieses problematische Resultat kann gemäss unserer Erfahrung auf die gesamte Deutschschweiz übertragen werden. Diese Personen leisten zum Teil gute Arbeit, ihnen fehlt jedoch das "Handwerkszeug", um ihre Dienstleistungen weiter zu entwickeln, in Krisen oder Umbruchsituationen richtig zu reagieren und die Arbeit kontinuierlich und erfolgreich gegen aussen zu vertreten.

Uns beschäftigen andererseits aber auch mangelnde strukturelle Rahmenbedingungen. Diese werden sowohl von den Arbeitgeber/innen als auch von den Jugendarbeitenden als eines der Hauptprobleme angesehen. Dazu gehören ungenügende Führungsstrukturen, schwach ausgeprägte gesetzliche Grundlagen, tiefe Stellenpensen und geringe finanzielle Ressourcen. Oft treffen hohe Erwartungen an die Jugendarbeit auf äusserst knapp bemessene Ressourcen was auf allen Seiten Frustrationen auslöst. Obwohl die Tätigkeit als Jugendarbeiter/in hohe Anforderungen an die Professionalität stellt, geniesst sie tendenziell ein tiefes Sozialprestige.

Das bedeutet, dass die Trägerschaften (private, kirchliche oder Gemeinden) leider mancherorts immer noch zu wenig in die Entwicklung der Stellen bzw. des Arbeitsfeldes investieren. Die Entwicklung der Stellen wird von den angestellten “Profis" erwartet. Das heisst, diese müssen ihren Auftrag, ihre Arbeitsbedingungen, etc. aufgrund ihres Fachwissens formulieren und einfordern. Dies kann eine sehr hohe Gestaltungsfreiheit bedeuten. Es ist jedoch auch eine ausgesprochen heikle Situation. Ungenügende Rahmenbedingungen und gleichzeitige Defizite im Ausbildungsstand der angestellten Jugendarbeitenden können so zu einer Art Teufelskreis führen.

Die bisherige Antwort der offenen Jugendarbeit auf diese Herausforderungen war eine starke Professionalisierung. Heute sehen wir, dass diese nicht nur durch möglichst hohe Qualifikationen der einzelnen Berufsleute erreicht werden kann. Es braucht eine differenzierte Entwicklung des Berufsfeldes in Bezug auf Funktionen, Kompetenzen und Ausbildungsgänge. Die Verbesserung der Rahmenbedingungen kann durch Ausbildung nur zu einem kleinen Teil bewirkt werden. Ein negativer Effekt der Entwicklung hin zur starken Professionalisierung ist auch, dass die Freiwilligenarbeit von Erwachsenen und Jugendlichen selbst im Umfeld der offenen Jugendarbeit viel zu wenig erkannt, genutzt und gefördert wird, obwohl dies unter dem Partizipationsaspekt zentral wäre.

Der DOJ setzt sich darum ein für:
1. die Professionalisierung der offenen Jugendarbeit durch fachliche Entwicklung,
2. die Verbesserung der Rahmenbedingungen von offener Kinder- und Jugendarbeit durch politische Interessenvertretung und die Förderung der kantonalen Netzwerke bzw. Verbände,
3. eine entsprechende Ausbildungspolitik.

Der DOJ engagiert sich für die Lancierung der Ausbildung Jugendarbeit HF. So erhalten auch Jugendarbeitende, die keinen Zugang zu Fachhochschulen haben, die Möglichkeit zu einer fundierten Ausbildung. Anfang 2008 wird der DOJ den dafür nötigen Rahmenlehrplan beim Bund einreichen. Der direkte Bedarf für eine solche Ausbildung wurde in einer Bedarfsabklärung gründlich belegt. Oberstes Ziel ist, dass insbesondere “Quereinsteiger/innen" die Möglichkeit erhalten, sich das nötige Handwerkszeug anzueignen. Solche finden sich nicht nur in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, sondern beispielsweise auch im Bereich der Jugendverbände und im kirchlichen Bereich.

Eine Ausbildung Jugendarbeit HF ermöglicht es, Personen zielgerichtet und praxisnah für ihre konkrete Tätigkeit in der Jugendarbeit auszubilden. Insbesondere verbindet sie Aspekte der (Sozial-) pädagogik und der Animation miteinander. Dadurch stehen, neben den HochschulabsolventInnen mit ausgeprägten Planungs- und Entwicklungskompetenzen, gut ausgebildete Berufsleute für eine qualitativ hochstehende Umsetzung der anspruchsvollen Konzepte zur Verfügung. Das Berufsfeld wird weiter differenziert, was es aus Arbeitnehmer/nnenperspektive nur attraktiver macht.

Patrick Stark ist Präsident des Dachverbandes Offene Jugendarbeit Schweiz, DOJ.
Die Fragen stellte Ursula Binggeli.

jugendarbeit.ch - erstellt: 03.03.08 - geändert: 03.03.08 - © 2008 by pm