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Jugendarbeit und Integration

Jugendarbeit hat häufig den Auftrag, einen Beitrag zur Integration von ausländischen Jugendlichen zu leisten. Was kann sie hier leisten? Was nicht? Um was geht es dabei?

VON DANIEL DUSS, SUPERVISOR UND ORGANISATIONSBERATER BSO

Vorweg das: Wer integrierend wirken will, muss sich über seine eigenen Definitionen und Wertungen der Begriffe Kultur und Integration im Klaren sein. Das ist zwingende Voraussetzung. Deswegen hier vorneweg zwei theoretische Anläufe zum Kultur- und zum Integrationsbegriff.
Denn nur durch multikulturelle Kochwettbewerbe allein entsteht keine Integration. Das ist ein spannender Anfang, doch wer ewig die Unterschiede betont, unterstützt keine gelungene Integration und missachtet ihre Phasen.

Anlauf 1: Was ist Kultur? Die Definitionen von "Kultur" sind breit, das Verständnis darüber ist es nicht.
Kultur: "Das sind zum Beispiel wir Schweizer". Kultur wird hier, wie so häufig, als territorial begrenzt und homogen verstanden. Das ist so unhaltbar. Beidem widerspricht die Realität x-fach.

Kultur ist nicht territorial begrenzbar: Wie ist es zum Beispiel mit den Tessinern? Sind sie der schweizerischen oder der italienischen Kultur zugehörig? Beides ist falsch, beides ist richtig. Zu argumentieren, sie seien eine "Unterkultur" der Schweizer Kultur ist Quatsch. Das würde in letzter Konsequenz dazu führen, dass wir dieser Unterkultur eine Unterunterkultur des Onsernone - Tals zugestehen müssten. Und diese wiederum unterteilen in..... usw. usw. Womit wir am Ende beim einzelnen Dorfquartier landen, welches seine eigene Kultur hat. Wo also bleibt die gesamtschweizerische Kultur?

Kultur ist nicht homogen. Das folgert sich selbstredend. Soll sich die tessiner Bankfrau, der tessiner Mafiosi und der tessiner Landwirt durch ein und diesselbe Kultur verbunden fühlen? Nein. Sie beziehen sich eben nicht nur auf die eine Kultur, sondern auch auf verschiedene Kulturen: jene der Männer, der Frauen, der Landwirte, der Selbstständigen, der Singles, der Mütter, der Verbrecher, etc. Die Kombinationen sind unzählig. Die individuellen Kulturen sehr heterogen.

Wir landen bei einem Kulturverständnis, das den Einzelnen/ die Einzelne in den Fokus rückt. Er/ Sie bezieht sich auf mehrere "Kulturen". Hier verstehen wir Kultur als eine Bezugsgrösse, die Kommunikation erleichtert und ermöglicht:
"Ein Mann schenkt seiner Frau zum Hochzeitstag 7 rote Rosen. Sie ist gerührt."
Hier beziehen sich die beiden auf ein gemeinsames Werte- und Symbolsystem, Werte wie etwa: Hochzeitstage feiert man (unabhängig vom Eheverlauf), Frauen mögen Blumen, rote Rosen stehen für die Liebe, man schenkt eine ungerade Zahl von Blumen, über Geschenke freut man sich, andere Männer vergessenHochzeitstage.

All diese Faktoren verleihen dem Handeln den spezifischen Sinn, den es für die beiden hat. Diese Bezugsgrössen können also aus der Sicht der Beteiligten klare Aussagen machen (rote Rosen=Liebe), können aber auch auf Vermutungen beruhen (Frauen mögen Blumen), müssen logisch nicht nachvollziehbar sein (ungerade Anzahl Blumen schenken) und können gar auf klischeehaften Vorstellungen beruhen (Männer vergessen Hochzeitstage). All das ist unerheblich, relevant ist, dass diese Bezugsgrössen der Handlung einen Sinn geben, den beide verstehen. Damit ermöglichen die Bezugsgrössen Kommunikation und schaffen so Realität.

Wie gesehen ist die Beschaffenheit dieser Bezugsgrössen zentral von den Kontextfaktoren abhängig. Eine Kultur kann nie jemand alleine für sich leben. Sie macht nur im Umfeld und mit anderen zusammen einen Sinn.

Die Entscheidungsfreiheit liegt, wenn diese Bezugsgrössen bewusst sind, beim Individuum. Der Mann kann auch bewusst auf ein Geschenk verzichten. Er verstösst damit allerdings gegen soziale Normen und hat mit Sanktionen zu rechnen. So gesehen sind Kulturen auch selbsterhaltende Systeme, die Regelverstösse ahnden.

Solche Bezugsgrössen (Wertesysteme, Symbolsysteme, Handlungsanweisungen, etc.) nennt man soziokulturelle Codes. Interkulturelle Situationen zeichnen sich durch unterschiedliche Verwendung solcher Codes aus.
Bei einer imaginierten Gesellschaft etwa, die Rosen ihrer Stacheln wegen als Kriegserklärung oder doch zumindest als Affront verstünden, wäre hier eine Ehe in die Brüche gegangen...

Also: Was ist Kultur? Für unsere Zwecke relevant: Kultur ist weder territorial begrenzt noch einheitlich innerhalb ihrer selbst. Sie entsteht durch die Handlungen der Einzelnen, die sich auf soziokulturelle Codes beziehen.

Anlauf 2: Was ist Integration? Integration soll eine Leistung beider Seiten sein. Aber was bedeutet das schon?
In der Integrationsgeschichte der Schweiz wurde im letzten Jahrhundert Integration so verstanden, dass sich "die Ausländer" anpassen sollten, so dass man sie im Idealfall gar nicht mehr als diese erkennen konnte. Bei dieser Vorstellung spricht man heute von Assimilation: reines Anpassen und sich einfügen.

Dass dies nicht leistbar und für ein Land auch nicht erstrebenswert ist, dürfte sich von selbst verstehen. Hermetisch von der Umwelt abgeschlossene Systeme sind nicht entwicklungsfähig und damit auch nicht überlebensfähig. Heute hat sich wohl wirklich überall die Auffassung durchgesetzt, dass Integration eine Leistung beider Seiten zu sein hat. Aber was heisst das schon? Schliesslich ist in den Augen vieler noch immer das Ziel die Assimilation der Fremden. Die Leistung der Schweizer Seite ergibt sich im Sprachkurse anbieten und im Hand bieten, so zu werden, wie wir sind. (Denn so ist es richtig.)
Andere wiederum leben im Irrglauben, Ausländer/innen seien hilfsbedürftige, arme Menschen, die jede Unterstützung verdient hätten und doch bitte ihre wahnsinnig spannende Andersartigkeit behalten sollten. Ich erachte das als eine Stigmatisierung der anderen Art: Das faszinierend Exotische! Hier werden Erinnerungen an Ethnologen des letzten Jahrhunderts wach. Diese Haltung ist genauso verwerflich und zielt schliesslich auch auf eine Abschottung, wenn auch mit Bullauge für den Ausblick auf die Anderen...

Integration heisst etwas anderes: Integration verlangt eine Leistung von allen Beteiligten. Es ist der Austausch, die Verwirrung an den Systemgrenzen.

Integration bedeutet nicht, alle Spannungen aufzuheben. Es bedeutet nicht, gleich zu werden. Das Ziel von Integration bedeutet vielmehr: Integrierte Menschen beziehen sich im Wesentlichen auf soziokulturelle Codes, die mit der dominierenden Kultur (z.B. rechtlich oder sozial) kompatibel Ð nicht identisch! - sind. Dazu ist Verständnis für Andersartigkeit auf beiden Seiten von Nöten, dazu kann auch eine Veränderung auf beiden Seiten notwendig sein. Gleichmacherei ist mit Sicherheit was anderes.

Integration verläuft in bestimmten Phasen, die bestimmtes Handeln erfordern. Alle, die sich professionell um Integration bemühen, müssen diese Phasen erkennen und adäquat handeln können:
Integration heisst erstens, die Andersartigkeit der Anderen als wahr an zu nehmen. Es heisst in einem zweiten Schritt aber auch, das Verbindende hervor zu heben um danach in einem dritten Schritt das Andere kennen zu lernen und Teile davon selber zu verarbeiten.

Also: Was ist Integration? Im Wesentlichen heisst Integration für unsere Zwecke, dass sich zwei Parteien wahrnehmen und annähern, dass ihre Verhaltensweisen kompatibel und gegenseitig respektiert sind. Integration geschieht in bestimmten Phasen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Was kann Jugendarbeit im Bereich der Integration leisten?

Häufig zeigt sich die Notwendigkeit von Integrationsbemühungen, wenn sich "Ausländertreffs" zu etablieren beginnen. Wenn keine Schweizer/innen mehr in den Treff gehen, dann fordert die Trägerschaft, dem sei Abhilfe zu schaffen. Einziges Erfolgskriterium in diesem Sinn verstandener Integrationsbestrebung kann sein, dass möglichst verschiedene Nationen im Treff sind. Und ja doch, ein zweites: - Und sich nicht prügeln.
Diesem Ziel liegt, wie wir gesehen haben, ein grundsätzlich falsches Verständnis von Kultur und Integration zu Grunde.

Integration kann Jugendarbeit nie alleine leisten. Aber sie ist nahe am Lebensfeld der Jugendlichen und hat damit wichtige Voraussetzungen, eine zentrale Rolle hierin zu spielen. Wenn auch selten so praktiziert, könnte der Jugendarbeit bei Integrationsbestrebungen eine zentrale Funktion zufallen. Nicht die Schule soll Jugendarbeitende anfragen, in der Blockwoche auch noch einen Part zu übernehmen. Jugendarbeit soll die Initiative ergreifen dürfen, auch auf ihre Vernetzungspartner/innen zugehen und sich als lead positionieren.

Jugendarbeit kann Integration auch unterstützen, indem sie den einzelnen Kulturen ("Cliquen", "Gangs") klar definierte Räume zugesteht. Interkulturelle Konflikte rühren nicht selten daher, dass die einzelnen Gruppen unterschiedlich Raum zur Verfügung haben. ("Der FC ist der Nabel der Welt. Im FC sind die anderen. Wo sind wir?"). Jugendarbeitende dürfen sich nicht scheuen, zum Beispiel "Ausländergruppen" zu installieren. Gegen Mädchen- und Bubenarbeit hat auch niemand etwas. Auch sie unterstützen die Integration verschiedener Gruppen schliesslich. Wer auf andere zugehen will, muss sich erstmal seiner selbst bewusst sein. Das gilt für jede Integration.
Behörden, die das anders sehen, benötigen fachliche Weiterbildung. Warum soll sich nicht auch eine Jugendkommission jährlich eine Weiterbildung leisten?

Integration gelingt schliesslich immer auch im Kleinen: Das Discoteam, das den Aussenseiter der Schule aufnimmt. Undsoweiter, undsoweiter. Hier hat Jugendarbeit eine einmalige Chance: Gruppen von Jugendlichen zu formieren, in ihre Freizeit einzugreifen und in diesem Sinn ruhig auch pädagogisch tätig zu sein.

Also: Was kann Jugendarbeit zur Integration von (ausländischen) Jugendlichen beitragen? Jugendarbeit fällt eine zentrale Rolle zu. Sie hat sorgfältig abzuwägen, wie weit auch eine Separation von Gruppen wertvoll sein kann, um sie mittelfristig integrierend zusammen zu bringen. Auch hierbei berücksichtigen Jugendarbeitende Phasen der Integration. Eine Vernetzung mit anderen Partner/innen der Jugendlichen ist zwingend.

Jugendarbeit kann Partei ergreifen und ist dabei immer selber in den unterschiedlichsten Lebenswelten integriert. Das eröffnet die Chance, als Vermittlerin tätig zu werden.
Als Vermittlerin, die integriert.

Daniel Duss, Supervisor und Organisationsberater BSO, berät insbesondere Jugendarbeitende und Behörden in ihrer professionellen Arbeit. Auch im interkulturellen Kontext. Kontaktdaten und nähere Infos: supervision.info

jugendarbeit.ch - erstellt: 02.06.05 - geändert: 02.06.05 - © 2005 by pm