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Die Ausländer sind alle so... - Strategien zur Integration
Wie ist das Verhalten von ausländischen Jugendlichen zu beurteilen? Und viel wichtiger: Wie ist ihm in der Arbeit mit Jugendlichen zu begegnen? Wie wird Integration gefördert? Es scheint zwei Lager zu geben: Jene, die Ausländer als gewalttätig und integrationsunwillig ansehen. Und jene, die finden, Ausländerprobleme gebe es nicht. Alles nur ein Problem der Betrachtungsweise. Beides falsch. Der Versuch einer Alternative, fern von sowohl-als-auch.
VON DANIEL DUSS, SUPERVISOR UND ORGANISATIONSBERATER BSO
Stecken wir erst mal die beiden bekannten Positionen etwas ab. Es kann hilfreich sein, die eigene Position in Abgrenzung zu anderen Positionen zu definieren.
Die Ausländer sind alle so bös.
Es gibt Leute, die lassen kaum ein gutes Haar an ausländischen Jugendlichen. Sie sagen, sie hätten nichts gegen Ausländer, aber es tue ihnen leid: Der Alltag belehre sie eines besseren. Herumlungernde Albaner, die in Gruppen Angst und Schrecken einjagen, sich aufspielen und auf den Boden spucken. Ihre Eltern, die sich nie um siekümmern, aber dann wieder die teuersten Handys kaufen. Kleine Kinder, die abends spät noch rumhängen, unbetreut versteht sich. Afrikanische Jugendliche, die Drogen verkaufen. Balkanraser, die unsere Strassen unsicher machen. Und Probleme gäbe es in der Schule nun mal vor allem mit Fremdsprachigen. Und es sei so schade, dass diese ein schlechtes Bild auf alle ihre Landsleute werfen würden. Aber es sei nun mal so: Nicht alle Ausländer sind böse. Aber fast alle Bösen sind Ausländer. So ist das.
Die Ausländer sind alle so lieb.
Es gibt Leute, die lassen kaum ein schlechtes Haar an ausländischen Jugendlichen. Sie sagen, die andern seien Rassisten. Ausländer seien Menschen wie du und ich, da gebe es keinen Unterschied. Krimineller seien sie sicher nicht, da müsse man die Statistiken eben mit Verstand geniessen: Ausländer seien nun mal bei jungen Männern - der gewalttätigsten Bevölkerungsgruppe - übervertreten. Dann gebe es Vergehen, die Schweizer gar nicht begehen könnten, etwa im Asylbereich. Und so gesehen seien Ausländer kaum gewalttätiger als wir. Zudem: Ausländer seien überall benachteiligt, bräuchten Unterstützung. Sie würden unsere Sozialwerke sichern, sie seien Vertriebene, Geschändete. Sie würden unser Leben bereichern und wer etwas gegen sie sage, der sei ewig gestern. Es sei nun mal so: Nicht alle Lieben sind Ausländer. Aber fast alle Ausländer sind lieb. So ist das.
Beides falsch.
Die beiden Positionen sind bekannt. Es ist verfehlt, sie politischen Lagern zuordnen zu wollen. Längst gibt es in beiden Positionen Wähler aller Parteien. Längst gibt es alle Berufsgruppen beidenorts. Wichtiger ist: Beide Positionen vermögen in dieser Form nicht zu überzeugen. Nicht etwa, weil es Einzelfälle gibt, die das Gegenteil belegen. Nein, das gibt es bei jeder Position. Deswegen allein ist die Position noch lange nicht falsch.
Sie überzeugen nicht, weil sie im Grunde (für die Arbeit mit Jugendlichen) nicht alltagstauglich sind: Lehrpersonen, Jugendarbeitende, (Schul)sozialarbeitende, die alle Ausländerprobleme für nichtig erklären, kriegen bei Ihren Integrationsbemühungen im Alltag Probleme: Sie verbringen ihre Zeit damit, Schweizer Jugendlichen einzuschärfen, dass sie nicht recht haben. Und zementieren damit schliesslich und endlich deren Position. (Nicht nur Erwachsene, auch Jugendliche können ihre Meinung zwar revidieren, aber nicht gänzlich über Bord werfen.) Und von den ausländischen Jugendlichen kriegen sie die Kappe gewaschen, weil diese – pubertierend wie sie sind – regelmässig das Gegenteil zu beweisen scheinen. Es ist nicht erfolgsversprechend, eine heile, ideale multikulturelle Welt zu predigen, wenn daneben Schweizer und Ausländer ihre Banden gründen... Auf der anderen Seite: Lehrpersonen, Jugendarbeitende, (Schul)sozialarbeitende, die Ausländer als gewalttätig und integrationsunwillig ansehen, können ihren pädagogischen Auftrag grundsätzlich nicht wahrnehmen. Sie werden nie integrierend wirken können. Und damit niemandem helfen. Weder den einen noch den andern. So gesehen wirkt keine der beiden Positionen wirklich integrierend. Aber was dann?
Wie ist das nun?
Welche Jugendlichen machen Schwierigkeiten? Welche Jugendlichen sind frech? Welche Jugendlichen sind gewalttätig? Das ist doch die Frage. Sind es nun die Ausländer oder nicht? Schreiben Sie die Namen von 10 Jugendlichen, die sie als schwierig in diesem Sinn bezeichnen würden, auf ein Papier. Betrachten Sie die Liste. Und? Sind es hauptsächlich Ausländer? Doch damit ist unsere Ausgangsfrage gar nicht beantwortet. Denn die Frage hätte ja auch heissen können: Und? Sind es hauptsächlich Jungs? Sind es hauptsächlich von den Eltern schlecht betreute Jugendliche? Sind es hauptsächlich braunhaarige? Sind es hauptsächlich schulisch wenig erfolgreiche Jugendliche? Sind es hauptsächlich Kinder von schlechter verdienenden Eltern? Sind es hauptsächlich Jugendliche ohne Freundin oder Freund? Mit Sicherheit konnten Sie hier einiges bejahen. Insofern war die Frage auch nur eine unter vielen. Vielleicht fallen ausländische Jugendliche negativ auf und wir haben ein Ausländerproblem. OK. Vielleicht fallen männliche Jugendliche negativ auf und wir haben ein Jungenproblem. OK. Vielleicht fallen schlecht betreute Jugendliche negativ auf und wir haben ein Elternproblem. OK. Das alles mag so sein. Gut und recht. Das ist aber wenig interessant. Denn die Frage ist doch: Und jetzt?
Vom Umgang
Wenn ausländische Jugendliche zum Beispiel klauen, dann muss man konsequent dagegen vorgehen. Wenn männliche Jugendliche zum Beispiel dreinschlagen, dann muss man konsequent dagegen vorgehen. Wenn schlecht betreute Jugendliche zum Beispiel Drogen verkaufen, dann muss man konsequent dagegen vorgehen. Da gibt es meines Erachtens keine Frage. Und wenn es in meiner Optik immer die Ausländer sind, dann ist das so. Und wenn es immer die Jungs sind, dann ist das so. Es ist zwecklos, diese persönlichen Optiken leugnen zu wollen. Die Wirklichkeit wird von den Akteuren geschaffen und ist so wie sie ist. Wenn die Wirklichkeit von Jugendlichen aber plötzlich sagt, dass Ausländer kriminell, böse und überhaupt das letzte seien, dann müssen wir dem begegnen. Pädagogisch motiviert vielleicht, aber eigentlich ist es auch eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, solche radikalen Ansichten nicht gedeihen zu lassen. Und glücklich machen sie schliesslich auch nicht.
Die Strategie im Umgang mit Fremdenfeindlichkeit, aber auch im Umgang mit ausländischen Jugendlichen, die Probleme machen, ist eine Strategie der Integration. Sie muss meines Erachtens hauptsächlich auf drei Spuren laufen:
Spur 1: Das Verhalten von der Person lösen
Ein Teil der Strategie muss sein, das Verhalten der Jugendlichen zu benennen und klar zu verurteilen. Wenn also beispielsweise ein Ausländer seine Mitschüler bedroht, dann ist das nicht tolerierbar. Hier dürfen auch nicht irgendwelche Erklärungsversuche herhalten müssen. Egal, ob dieser Junge schlimme Migrationserfahrungen hatte, egal ob er die Sprache nicht versteht: Dieses Verhalten ist nicht toleriert. Bei niemandem. So unangenehm die Repression in diesem Zusammenhang sein mag: Untolerierbares wird nicht toleriert und angemessen geahndet. Egal ob Junge oder Mädchen, klein oder gross, Asylbewerber oder Urschweizer. Viele der sogenannten Ausländer-Schweizer-Probleme bei Jugendlichen sind im Grunde Ahndungsprobleme: Die Gesellschaft, aber auch die Lehrpersonen, Jugendarbeitenden, Sozialarbeitenden sind sich in ihren Teams, geschweige denn mit den Eltern der Jugendlichen, nicht einig, was toleriert wird und was nicht. Sie sind nicht bereit, ihre Regeln zumindest innerhalb des professionellen Teams gemeinsam zu kontrollieren und Verstösse zu ahnden. Und das führt bei allen Jugendlichen zu Schwierigkeiten. Sie schliessen sich zusammen und rebellieren. Und dann scheint es plötzlich ein Problem zwischen Ausländern und Schweizern zu sein und man veranstaltet einen interkulturellen Kochwettbewerb.
Spur 2: Unterstützungsangebote bereit stellen
Doch man soll auch nicht alle Unterschiede in der Herkunft verwischen und so tun, als wären wir alle gleich. Zweifellos gibt es so etwas wie Kultur“: Es spielt eine Rolle, wo und unter welchen Umständen ich sozialisiert wurde. Es spielt für mein Leben in der Deutschschweiz eine Rolle, ob ich deutsch als Muttersprache spreche oder nicht. So leben ausländische Jugendliche unter speziellen, häufig auch erschwerten Bedingungen. Die Nationalität selber ist aber keine dieser Bedingungen! Die Bedingungen sind etwa: Fremdsprachigkeit, Bildungsniveau der Eltern, soziale Stellung, Wohnsituation, usw. Analog Spur 1 gilt hier: Die Bedingungen sind von der Person zu lösen! Nicht das Herkunftsland gehört in den Fokus, sondern die erschwerten Bedingungen. Und diese gelten durchaus auch bei vielen einheimischen Jugendlichen. Darum stehen fast alle Unterstützungsangebote auch einheimischen Jugendlichen zur Verfügung, da sie wie gesagt nicht die Unterstützung von Ausländern, sondern die Vermeidung von Negativbedingungen, im Fokus haben. Diese Unterstützungsangebote sind auf die Situation anzupassen und müssen sich angemessen vernetzen. Sie zielen nicht nur direkt auf die Jugendlichen, sondern nicht selten auf ihre Bezugspersonen, namentlich ihre Eltern.
Spur 3: Bildung im weitesten Sinn
Ein dritter Teil von Strategien im Umgang mit interkulturellen Situationen soll Bildung im weitesten Sinn sein. Hier sind etwa Massnahmen im Bereich der Rassismusprävention anzusiedeln, Sensibilisierungskampagnen, Weiterbildungs-angebote für Erwachsene. Auch über Einsicht und Wissen lässt sich schliesslich Integration fördern. Das kann heissen, dass Professionelle in Weiterbildungen ihr Verständnis von Kultur und Integration klären und präzisieren. Das kann heissen, dass Jugendliche etwas über die Geschichte der Schweiz als Migrationsland kennen lernen. Das kann heissen, dass Eltern über die wahren Fakten und Zahlen bezüglich Migration in der Gemeinde aufgeklärt werden. Und dass Eltern Vorträge zu Erziehungsfragen besuchen können. Und Weiterbildung muss nicht nur kopflastig sein. In diesem Sinn sind auch interkulturelle Kochwettbewerbe eine Weiterbildung. Sie fördern die Einsicht, dass wir alle verschieden sind. Wenn diese Einsicht fehlt, dann ist das ein durchaus sinnvolles Instrument zur Integration. Der gezielte Einsatz solcher Projekte ist abhängig von einem angemessenen Wissensstand der Professionellen. Eine solche Art Handlungswissen ist anzustreben. Und nicht das interkulturelle Wissen, was man in Indonesien als Vorspeise liebt.
Zusammenfassung
Die Ausgangsfrage war: Wie ist das Verhalten von Ausländern zu beurteilen? Und wie ist ihm in der professionellen Arbeit mit Jugendlichen zu begegnen? Die Antwort hiess: Das Verhalten ist zu beurteilen wie jedes andere auch. Ob es ein Ausländerproblem in der Gemeinde gibt, ist wenig interessant. Vielmehr ist relevant, ob es ein Verhaltensproblem von Jugendlichen gibt. Und diesem ist zu begegnen. Der Umgang damit hat beim Verhalten der Jugendlichen anzusetzen, durchaus aber auch die interkulturelle Ausgangslage zu berücksichtigen: Etwa in dem Angebote bereit gestellt werden, die negativen Bedingungen entgegen wirken, denen hauptsächlich ausländische Jugendliche ausgesetzt sind. Und es heisst auch, alle Beteiligten in ihrer jeweiligen Lage mit Wissen zu versorgen. Und deren Realitäten zu akzeptieren. Integration ist eine anstrengende Sache, die immer von allen Beteiligten geleistet werden muss. Nur so kann sie erfolgreich sein. Und schliesslich sei immer auch die Frage erlaubt, warum hier integriert werden soll. Ist Integration immer und überall nötig? Nur der Integration wegen integrieren? So besehen ist zu hoffen, dass viele, die professionell mit Jugendlichen arbeiten, nicht in traumhaften, multikulturellen Bildern schweben oder desillusioniert und voller Fremdenangst auf dem harten Boden einer vermeintlichen Realität landen. Es ist zu hoffen, dass sie ihre geklärten Normen durchsetzen, präventiv Kinder in ihrer Andersartigkeit stützen und wissen, dass es herrlich ist, wie verschieden die kulturellen Vorstellungen sind. Und vor allem: Dass dies zwar herrlich ist, diese Herrlichkeit hier aber wenig zur Sache hat.
Anmerkung: Um die Lesbarkeit zu erhöhen, wurde über weite Strecken nur die männliche Schreibweise gewählt. Es sind damit aber explizti immer beide Geschlechter gemeint. Integration ist immer eine Sache aller Beteiligten. Hier wurde bewusst der Fokus auf die Professionellen in der Arbeit mit Jugendlichen gerichtet. Ihre Sache allein ist es aber nie.
Daniel Duss, Supervisor und Organisationsberater BSO, berät insbesondere Jugendarbeitende und Behörden in ihrer professionellen Arbeit. Auch im interkulturellen Kontext. Kontaktdaten und nähere Infos: supervision.info