pfad zu dieser seite: startseite > texte > hyperaktiv | zurückblättern

Hyperaktive Kinder und Jugendliche in der Gruppe

Eine Herausforderung für Leiterinnen und Leiter

Kinder, die sich unbeschreiblich daneben aufführen, sich nicht konzentrieren können und den Leiterinnen und Leitern den letzten Nerv rauben, leiden oft unter einer sogenannten Aufmerksamkeitsstörung (ADHD). Diese Störung im Gehirnstoffwechsel wird in der Schweiz auch psychoorganisches Syndrom (POS) genannt. Gemäss Fachleuten sollen rund vier Prozent aller Kinder davon betroffen sein. Ein geeigneter Umgang mit ADHD-Kindern hilft Konflikte zu entschärfen und trägt dazu bei, dass sich hyperaktive Kids positiv entwickeln können.

VON PETER MARTI, JUGENDARBEITER

Meist reagieren Leiterinnen und Leiter von Kinder- und Jugendgruppen (aber auch Lehrerinnen und Lehrer) gereizt und ungeduldig auf Kinder, die mit ihrem Verhalten die ganze Gruppe stören. Auch unter den anderen Gruppenmitgliedern erhält ein stets störendes Kind bald die Rolle des "Schwarzen Schafes", denn durch sein Sich-in-den-Vordergrund-spielen macht es sich unbeliebt.

Nicht jedes störende Kind leidet unter dem ADHD-Syndrom! Doch jene Kinder, die davon betroffen sind, verhalten sich nicht aus "Bösartigkeit" oder "Unbelehrbarkeit" auffällig. Nein! Sie können nicht anders. Jede Bewegung, jedes Geräusch, jedes Geschehnis in ihrem Wahrnehmungsfeld wirkt wie ein starker Magnet und zieht die volle Aufmerksamkeit auf sich. Das Kind ist zwar dauernd aufmerksam, kann die Aufmerksamkeit aber nicht kanalisieren (z.B. auf den Gruppenleiter, die Gruppenleiterin).

Verantwortlich für die Auffälligkeit ist eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Verschiedene Überträgerstoffe von Nervenreizen arbeiten nicht korrekt. Durch ihre planlosen Aktivitäten versuchen die Betroffenen die fehlenden inneren Reize zu kompensieren. Über die Ursachen der Störung ist sich die Fachwelt nicht einig, die Palette der möglichen Ursachen reicht von genetischen Defekten, Sauerstoffmangel bei der Geburt, über Vergiftungen bis zu Allergien.

Wie erkenne ich Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen?

Begriffe

ADHD: Attention deficit/ Hyperactivity disorder
oder
ADD: Attention Defizit Disorder (heute gemäss DSM gültige Bezeichnung)

POS: Psychoorganisches Syndrom (in der Schweiz übliche Bezeichnung)

HKS: Hyperkinetisches Syndrom (Bezeichnung in Deutschland)

ADS: Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (wird teilweise im deutschsprachigen Raum verwendet)

MCD: Minimale cerebrale Disfunktion (war früher die häufigste Bezeichnung)

Wie erkenne ich, ob ein Kind in meiner Gruppe unter einer Aufmerksamkeitsstörung leidet? Zunächst muss davor gewarnt werden, jedes aktive und aufgeweckte Kind als POS-Kind zu pathologisieren. Eine sichere Diagnose kann nur der Arzt oder Kinderpsychologe stellen. Deshalb ist man als Gruppenleiter, als Gruppenleiterin auf eine Information von Seiten der Eltern angewiesen. Dies sollte eigentlich selbstverständlich sein. Eine gute Möglichkeit für Eltern, auf die Verhaltensstörung ihres Kindes hinzuweisen, ist dabei die von vielen Gruppen verwendete Lager-Gesundheitskarte. Hier sollte unbedingt auch vermerkt werden, wenn das Kind das Medikament Ritalin einnehmen muss, denn einige Nebenwirkungen des Medikamentes haben auch Auswirkungen auf das Verhalten des Kindes im Lager (Schlafstörungen aber auch Schläfrigkeit, Schwindel, Zittern).

Leider sind nicht alle Eltern bereit, Leiterinnen und Leiter über die Krankheit ihres Kindes zu informieren. Auf Grund von verschiedenen Symptomen (siehe nebenstehender Kastentext) kann jedoch auch selber auf POS/ADHD geschlossen werden.

Welche Symptome zeigen POS/ADHD-Kinder?

  • Extreme Hyperaktivität (motorische Unruhe)
  • Übermässige Impulsivität (Wutausbrüche, vermehrte Reizbarkeit)
  • Vermehrte Ablenkbarkeit
  • Übermässiges Störverhalten
  • Auffallende Langsamkeit bei der Aufgabenlösung
  • Frustrationsintoleranz
  • auffallende Diskrepanz zwischen offenkundiger Intelligenz und Leistung
  • schlechte Flexiblität
  • in der Pubertät: Ablehnung der Umwelt, Depressionen, Selbstmordgedanken, Neigung zu Asozialität, keine Initiative, sich um die Berufswahl zu kümmern
  • Mädchen zeigen oft ADHD-Störungen ohne Hyperaktivität - die dann ADD genannt werden. Dann stehen Verträumtheit, Ablenkbarkeit, Ängstlichkeit, Hypersensibilität und Zerstreutheit im Vordergrund des Störungsbildes  

Tipps für den Umgang mit POS/ADHD-Kindern

Kinder mit einem hyperkinetischen Syndrom sind in ihrer Seele sehr verletztlich, sie haben häufig ein beschädigtes Selbstbewusstsein. Sobald sich diese Kinder angenommen fühlen, können sie ihr Störverhalten eher kontrollieren. Ausserordentlich motivierend sind Lob und Anerkennung innerhalb der Gruppe. Wichtig für das Kind ist ein eindeutiges Verhalten: die Anweisungen müssen klar sein. Die Strafen, die bei Nichtbeachtung ausgesprochen werden, müssen ebenfalls vorher bekannt sein und sollten bei allen Kindern der Gruppe gleich sein.

Folgende Elemente sind im Umgang mit ADHD-Kindern wichtig:

Medikamentöse Behandlung

Die ADD-Symptome können nicht geheilt, mittels des von der Firma NovartisPharma vertriebenen Medikamentes «Ritalin» jedoch gelindert werden.

«Ritalin» wirkt (interessanterweise) nicht beruhigend, sondern stimulierend. Trotzdem werden Kinder etwa eine halbe Stunde nach Einnahme ruhiger, aufmerksamer und ausgeglichener. Die Wirkung dauert etwa vier Stunden, die normale Tagesdosis beträgt zwei Tabletten.

Übliche Therapieformen

  • Medikamentöse Therapie mit Stimulantien/Amphetaminabkömmlingen (Ritalin)
  • Erziehungskonzept und Lenkung des Freizeitbereiches
  • Programme zur Verbesserung der psychomotorischen Koordination (Ergotherapie usw.)
  • Psychologische und pädagogische Beratung (Verhaltenstherapie, Spieltherapie usw.)
  • Diät


Bestimmt hilft in vielen Situationen etwas Humor von Seiten des Gruppenleiters, der Gruppenleiterin. Und natürlich: Geduld, Geduld, Geduld! Einfacher macht es auch die Erkenntnis, dass diese Kinder nicht absichtlich stören. Hyperkinetische Kinder sind im Übrigen normal intelligent und zeichnen sich in bestimmten Fachgebieten durch ein erstaunliches Wissen aus. Als berühmtestes POS-Kind der Schweiz gilt übrigens der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi, der von seinen Zeitgenossen als sonderbarer Mensch beschrieben wurde, der jedoch Grosses geleistet hat. Ob ein ADHD-Kind auch als Erwachsener Probleme haben wird oder aber gross heraus kommt, hängt wesentlich damit zusammen, wie wir als Gruppenleiter, Lehrerinnen, Ärzte, Eltern oder Therapeutinnen mit ihnen umgehen!

Weitere interessante Facts zu POS/ADHD

Linkhinweise

ELPOS: Verein für Eltern und Bezugspersonen

ADD-Online

Nachträge

(1) Kürzlich wurde in den USA eine Klage gegen die Firma Novartis eingereicht, mit dem Vorwurf, Nebenwirkungen des Medikamentes Ritalin nicht korrekt deklariert zu haben. Der Absatz von Ritalin ist in den USA (und auch in der Schweiz) in den letzten Jahren stark gewachsen.
(25.05.2000)

(2) Im Kanton Neuenburg hat sich der Absatz von Ritalin zwischen 1996 und 2000 fast versiebenfacht. Laut dem Bundesamt für Gesundheit dürfte dies der Situation in der ganzen Schweiz entsprechen.
(NZZ, 11.04.2002)

 
Quellen: Corydon C.Clark, M.D, Our Expanding ADD Knowledge. Harro Albrecht, Die Pille für den Zappelphilipp macht Schule (1998). Dr. Klaus Skrodzki, Das Hyperkinetische Syndrom (1996). Dr. med. Johanna Krause, Was ist Lehrern zu raten? (1996). Naturdrogerie. Zappelkinder können nicht so, wie sie gerne möchten. Arzneimittelkompendium Schweiz. Ritalin®/- SR (1999). - Alle Artikel aus dem Internet. Für die ergänzenden Hinweise als Reaktion auf diese Seite durch dipl.-psych. P. Rossi dankt der Autor ganz herzlich!

jugendarbeit.ch - erstellt: 20.10.99 - geändert: 05.04.05 - © 2005 by pm