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Gesucht: Innovative Formen

In den Traditionen der Jugendverbände stecken Chancen und Gefahren

Die Verbandsjugendarbeit hat Sorgen. Es ist schwieriger geworden, ehrenamtliche Leiterinnen und Leiter zu finden. Die Mitgliederzahlen der Ortsgruppen sinken. In den Verbänden kommen Selbstzweifel auf. Was ist unsere Aufgabe? Wo sollen die Schwerpunkte der zukünftigen Arbeit liegen? Typische Zeichen für diese Unsicherheit sind die untypischen: der Verband verfasst ein Leitbild, er startet Mitgliederumfragen, das visuelle Erscheinungsbild wird erneuert, ein Kommunikationsverantwortlicher wird eingestellt, die Verbandshomepage erfährt ein Redesign, die Verbandsverantwortlichen verbreiten Zweckoptimismus.

VON PETER MARTI, JUGENDARBEITER

Erklärungen für die Krise sind schnell zur Hand. Die Jugendlichen von heute hätten andere Interessen als früher, wird behauptet. Sie seien nicht mehr an langfristigen Engagements interessiert. Oberflächlich seien sie geworden. Insgesamt gebe es halt ein «gesellschaftliches Problem». Der Mensch handle nur noch nach dem Lustprinzip und wolle sich für nichts mehr verpflichten.

Andere Stimmen sagen, es gebe überall noch Gruppen, die gut funktionieren. Die Rekrutierung von Freiwilligen sei dort kein Problem. Das Problem liege beim Marketing: wer die traditionellen Produkte besser verkaufe, habe Erfolg. Mit diesen Worten im Ohr geben Verbände ihren Angeboten englische Namen, drucken Hochglanzflyer, gestalten Webseiten … und staunen darüber, dass sich der Erfolg trotzdem nicht im gewünschten Mass einstellt.

Institutionen in der Krise

Krisen von Institutionen haben normalerweise nichts mit den Bedürfnissen der potentiellen Kunden zu tun. Typisches Beispiel für dieses Phänomen sind die Landeskirchen. Das Bedürfnis der Menschen nach Spiritualität und Religion ist nicht gesunken, das Bedürfnis der Bevölkerung nach der Institution Kirche hingegen hat klar abgenommen. Der Kirche wird von breiten Bevölkerungsschichten die Kompetenz abgesprochen, religiöse Bedürfnisse angemessen zu befriedigen. Der Haken liegt bei der Form der Angebote - nicht beim Inhalt.

Ähnliches spielt sich bei den traditionellen Jugendverbänden ab. Die Verbände möchten zwar Bedürfnisse befriedigen, die gefragt sind: sinnvolle Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche, Vermittlung von Werten und Moral, Erziehung im weitesten Sinne. In den Augen von Kindern, Jugendlichen und Eltern scheinen die Jugendverbände mit ihren Angeboten jedoch nicht mehr die bestmögliche Befriedigung dieser Bedürfnisse zu garantieren. Der Haken liegt auch hier bei der Form der Angebote - nicht beim Inhalt.

In einer solchen Situation sind Marketinganstrengungen nur beschränkt wirksam. Die Gretchenfrage heisst: Welches ist die angemessene Form, um den nachgefragten Inhalt zu verpacken? Im Gegensatz zu neuen Projekten ohne Verbandsbindung haben die Jugendverbände mit ihren inhaltlichen Traditionen einen Joker in der Hand, der ihnen helfen kann, neuen Formen ein gutes Fundament zu geben. Die Verankerung des Cevi im christlichen Glauben, die Überzeugung des Blauen Kreuzes, dass Jugendarbeit suchtmittelfrei sein muss, die ethischen Werte der Pfadfinderbewegung - alles Grundlagen für eine erfolgreiche Arbeit auch in Zukunft. Diese Traditionen dürfen jedoch keine Fesseln für die Art und Weise sein, wie Jugendarbeit in der Praxis geleistet wird. Kann christlicher Glaube nur durch Nachspielen von biblischen Geschichten vermittelt werden? Wirkt das gemeinsame Mixen alkoholfreier Drinks wirklich suchtpräventiv? Sind beige Hemden noch die ultimative Freizeitkluft heutiger Kids und Teenies?

Fünf Problemzonen heutiger Verbandsjugendarbeit

Vor allem in fünf Bereichen bekunden die Jugendverbände Mühe, bezüglich Traditionen Form und Inhalt zu trennen. Eine offene Diskussion dieser fünf «Problemzonen» in den Verbänden, ist unabdingbar, wenn die Verbandsjugendarbeit auch im 21. Jahrhundert eine entscheidende Rolle in der hiesigen Jugendarbeitslandschaft spielen möchte.

(1) «All Business is local!»: Jugendarbeit findet in Bütschwil und Köniz statt, in Schwamendingen und Zizers, in Brig und Liestal. Ist es wirklich so, dass eine Form von Jugendarbeit für das ganze Land gut sein kann? Wieso muss immer gleich ein Konzept mit landesweiter Wirkung entwickelt werden? Jugendarbeit betrifft die Kinder und Jugendlichen im Quartier, im Dorf, in der Talschaft. Die besten Lösungen werden deshalb auch auf lokaler Ebene geschaffen. Ein möglicher Weg, um tragfähige lokale Lösungen zu finden, wäre eine engere Zusammenarbeit der Jugendverbände am Ort mit Eltern, Schulen, Kirchgemeinden und politischer Gemeinde.

(2) Tradition und Innovation sind keine Gegensätze - der Kern erzieherischer Arbeit bleibt sich über die Jahre gleich, die Form der Arbeit jedoch muss innovativ bleiben. Was wir Kindern und Jugendlichen mit unserer Arbeit schenken, ist Zeit und Zuwendung. Darüber hinaus hat jeder Jugendverband seine Wurzeln, zumeist christliche Traditionen. Ob ein Verband innovativ sein kann oder nicht, hat nichts mit diesen Traditionen zu tun. Innovation muss sich auf die Form der Angebote und nicht auf die Wurzeln des Verbandes auswirken. Heikel wird es, wenn sich ein Verband in einer Krisensituation seiner Wurzeln nicht mehr sicher ist oder aus Gründen des Zeitgeistes seine Wurzeln verleugnet. Über diese Wurzeln, über die Tradition des Verbandes, muss in jeder Leitergeneration neu das Gespräch gesucht werden, um die Umsetzung der Verbandstradition in den aktuellen Angebotsformen zu gewährleisten.

(3) Triebfedern freiwilligen Engagements sind der Wunsch nach Weltveränderung und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Nach aussen hin geben wir Letzteres nur ungern zu. In allen Formen von Jugendarbeit treffen wir jedoch auf die selben Motivatoren: den Wunsch «Gutes zu tun», gleichzeitig aber auch selber Zufriedenheit zu erlangen. Während Ersteres in Konzepten und Leitbildern bedacht wird, wird Letzteres in den meisten Verbänden ausgeblendet. Wichtig für die Jugendverbände wäre es, die «Lizenz zur Selbstverwirklichung» den Mitarbeitenden an der Basis zu erteilen und nicht bei professionellen Fachkräften zu zentralisieren. Das Problem der freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnte so entschärft werden. Wer selber mitgestalten kann bleibt einem Verband länger erhalten, als jemand, der sich als Ausführender eines vorgedachten Konzeptes versteht.

Innovative Projekte

plattformjugend.ch
Ein Angebot von Blauring/Jungwacht fuer bedürfnisorientierte Jugendarbeit.

Roundabout-Tanzgruppen
Suchtprävention und HipHop-Dance - ein Projekt des Blauen Kreuzes

Villa YoYo
Niederschwellige Kinderarbeit im Quartier - ein Projekt des Cevi

Projekt Limits
ein Showprojekt zu Liebe, Sex und Zärtlichkeit - ein Projekt der Offenen Cevi Arbeit Zürich

Integrationsprojekt der Pfadi
für die stärkere Integration von Ausländerkindern in die Pfadiarbeit

(4) Das Beharren auf der Mittelstandsjugend als Zielgruppe der Verbandsjugendarbeit ist gefährlich. Offiziell steht es in keinem Leitbild, in der Praxis jedoch ist es offensichtlich: grosse Bevölkerungsschichten werden von den Angeboten der Verbandsjugendarbeit nicht angesprochen. Hauptzielgruppe sind Jugendliche aus dem Mittelstand, die sich verbindlich zu einem Besuch der Angebote verpflichten. Die Gruppen und Programme sind klar zu wenig niederschwellig, um zum Beispiel Immigrantenkinder und Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen anzusprechen. Um neue Zielgruppen für die Verbandsjugendarbeit zu erschliessen, müssen sich die Angebote der Zielgruppe anpassen. Dass sich die Zielgruppe dem Angebot anpassen wird ist ein Wunschtraum, der sich nicht erfüllt.

(5) Jugendarbeit muss ressourcenorientierter werden: das gilt für die Arbeit auf den Fachstellen, wie auch in lokalen Gruppen. Ressourcen spart man heute durch Outsourcing und Firmenzusammenschlüsse. Wieso nicht mit diesen der Wirtschaft entlehnten Methoden experimentieren? Bei uns sollen damit ja keine Arbeitsplätze abgebaut werden, sondern es soll Zeit und Geld für neue Projektideen frei werden. Die Jugendverbände am Ort, in der Region und auch auf nationaler Ebene könnten in vielen Bereichen verstärkt zusammenarbeiten. Gemeinsame Ausbildungsmodule, gemeinsame Materialpools, gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit oder gemeinsame Erarbeitung von Drucksachen sind nur einige Beispiele für mögliche Zusammenarbeitsformen.

Blick in die Zukunft - einiges ist bereits im Gang…

Ganz neu sind die obenstehenden Überlegungen natürlich nicht. Die ersten Pflänzchen neuer Formen in der Verbandsjugendarbeit beginnen bereits zu spriessen. Aber Vorsicht, sie sind noch jung und bedürfen noch einiger Pflege. Wichtig ist, sie der Sonne entgegenwachsen zu lassen und sie nicht allzuschnell an einem Stab festzubinden, der der traditionellen Form der Verbandsarbeit entspricht. Grundlage soll der Boden sein, aus dem die Pflänzchen wachsen und dieser soll die Nährstoffe der Verbandstradition enthalten.

Beispiele für gelungene neue Formen:

  • die Villa «YoYo», eine niederschwellige Kinderarbeit in Stadtquartieren mit hohem Immigrantenanteil - erfunden vom Cevi St. Gallen
  • die Mädchenarbeit «Roundabout» des Blauen Kreuzes, die Gesundheitsförderung und Spass am Tanzen verbinden möchte
  • der Plan der Pfadibewegung, vermehrt Ausländerkinder in der Pfadi zu integrieren

… anderes fehlt noch:

  • eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Verbänden auf lokaler und nationaler Ebene
  • neue Angebote für Kinder und Jugendliche, die nicht aus Mittelstandsfamilien stammen
  • eine verbandsübergreifende Leiterzeitschrift für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ausgerichtet auf die bisherigen und neuen Formen von Verbandsjugendarbeit

Ist der Sport schuld?

19.10.99/NZZ/pm
Pfadi und Cevi:
Drastischer Mitgliederrueckgang seit 1994

Noch vor fünf Jahren zählte die Pfadibewegung Schweiz rund 60 000 Mitglieder, 1998 waren es noch 55 000. Im Kanton Zürich ist der Bestand seit 1994 um 9.9 Prozent Mitglieder gesunken. Die gleichen Probleme plagen den Christlichen Verein junger Menschen bei den Jungscharen. Für beide Organisationen ist es sehr aufwendig geworden, neue Kinder zum Mitmachen zu gewinnen. Am Einfachsten ist es, wenn die Pfadis bzw. Jungschärler selber, auf Grund ihrer Begeisterung, gleichaltrige Kameraden zum Mitmachen animieren. Eine nicht zu unterschätzende Rolle kommt bei den Pfadfindern der Familientradition zu: Eltern, die selber Pfadfinder waren, sehen es oft gerne, wenn ihre Kinder auch bei den Pfadis dabei sind.

Nach Einschätzung von Cevi- und Pfadileitern liegt der Mitgliederrückgang in der wachsenden Popularität des Sportes begründet. Vor allem Modesportarten wie Skating oder Snowboarden mit ihren eigenen Kulturen zögen die heutigen Kinder und Jugendlichen mehr an als die traditionellen Jugendorganisationen. Zudem führe in den grossen Städten die Abwanderung von Schweizer Familien in die Agglomeration zu einem Mitgliederschwund.

In der Hoffnung Gedankenanstösse zur Arbeit der Jugendverbände gegeben zu haben, wünscht der Autor allen Beteiligten viel Kreativität und Durchhaltevermögen beim Anpacken der neuen Aufgaben!

Erstveröffentlichung: Zeitschrift BLAUSTELLE des Kinder- und Jugendwerks des Blauen Kreuzes, Nummer 1/03.


jugendarbeit.ch - erstellt: 22.02.03 - geändert: 03.08.09 - © 2009 by pm