VON HARRI WÄFLER
Nun, als ich vor beinahe 20 Jahren als Jugendarbeiter bei der Kirche begonnen habe, war klar ein Trend nach Erneuerung zu spüren. Wohl deshalb habe ich damals die Stelle erhalten. Jugendarbeit sollte modern, offen und weltlich sein. Die Kirche brauchte dringend ein neues Ansehen, die alten, verstaubten Sonntagsschulen und JKs wurden ihren "Negerli-nick-Mief" nicht los. Freche, selbstbewusste und moderne Jugendarbeitende waren gefragt, welche der Kirche neuen Wind und Glanz bringen sollten, welche Themen wie Integration, offene Jugendarbeit, Gassenarbeit und Projektarbeit in Angriff nahmen.
So hat sich die Kirche aus ihren alten Schuhen in die Treffs, Ferienlager und die Integrationsarbeit gewagt. Und heute? Tja liebe Freunde, die Zeiten sind vorbei. Die Treffs sind längst autonom, die kantonale Jugendarbeit ist professionalisiert, regionalisiert und verbürokratisiert worden. Ein Steuerungssystem steuert die Jugend im Kanton, in den Schulen ist der Schulsozialarbeiter der Chef und Freizeit bedeutet für viele Jugendliche Bar- und Pubfestival, Alkohol, PC-Spiele, Konsum und Rumhängen.
Und die kirchliche Jugendarbeit?
Die offene Arbeit haben der Staat, die Gemeinde oder professionelle Anbieter übernommen ... oder noch blöder: deine offene Jugendarbeit wird bloss von Kids aus moslemischen Ländern genutzt. Die sogenannt "geschlossene" Arbeit ist immer noch geschlossen, wird von Freikirchen im ganz evangelikalen Stil betrieben oder ist nur für ein kleines Grüppchen von Kids interessant. Und unsere Chefs, unsere Pfarrkollegen und -kolleginnen, die Kirchgemeinderäte und Mitarbeitenden sind alle auf der Suche nach neuen Lösungen. Und sollten wir gewissenhafte Jugendarbeitende sein ... ja dann wir auch.
Immer mehr hört man, die Kids sollen sich wieder mit Kirche identifizieren können! Jugendarbeit in der Kirche soll uns junge Menschen in die Kirchen bringen! Wir wollen endlich wieder eine tolle Junge Kirche. Es stellt sich zwangsläufig die Frage: Haben wir etwas verpasst? Wieso bringen wir die Kids nicht mehr in die Kirche, zu uns? Wieso hat keiner mehr Interesse an Diskussionsgruppen mit dem Jugendarbeitenden, freiwillig, am Lagerfeuer, am Samstagabend? Oder braucht es gar ganz neue Arbeitsformen?
Einige Kirchgemeinden haben den Druck auf ihre Jugendarbeitenden erhöht. Es soll jetzt endlich wieder Inhalt in die Arbeit. Schliesslich sind wir Kirche und nicht Staat. Einige unserer Kolleginnen und Kollegen haben deshalb auch ihre Arbeit aufgegeben (wohl mehr oder weniger freiwillig). Und der Druck kommt nicht nur von der Ratsseite. Immer mehr Pfarrerinnen und Pfarrer verlieren an Boden in dieser sich so schnelllebig entwickelnden Zeit. Ihr Ansehen, ihr Status und ihre Macht schwinden und die Kirchen werden täglich leerer. Viele von ihnen sehnen sich nach alten Machtstrukturen, alten Verhältnissen und Rechten. Und an der Uni finden sich auch wieder mehr junge Theologen welche eine klare Bekennerkirche befürworten.
Zugegeben, mit der Entwicklung der modernen Jugendarbeit haben viele von uns fast ganz vergessen, dass wir ja Kirche sind. Und das ist ja leider zur Zeit eher unpopulär. Also besser nicht darüber reden. Tja, das rächt sich jetzt auch ein wenig. Was zeichnet uns denn noch als kirchliche Jugendarbeiter aus? Dass wir unser Büro im Kirchgemeindehaus haben?
Ganz einfach gesagt: Die Kirchliche Jugendarbeit hat ihre Identität verloren und nun stehen wir unter Druck. Der Staat nimmt uns unsere bisherigen Arbeitsfelder weg. Die Kirchen selber wollen wieder vermehrt christliche Inhalte und Werte vermitteln, damit sie nicht ganz im Sozialarbeiterstatus mit Predigtbeigabe versinken... (es muss ja einen Grund geben, wieso ich Kirchensteuer zahlen soll). Und die Jugend schreit eher nach Konsum, denn nach Inhalten.
Also, wie um alles in der Welt begegnen wir dem Dilemma? Indem wir uns eine neue Identität geben, indem wir uns zu unseren Arbeitgebern bekennen, ohne deren verknöchertes, altes System übernehmen zu müssen. Indem wir uns in die Führung der Kirchgemeinden einmischen, über Inhalte mitreden und neue Ideen und Vorschläge einbringen. Wir brauchen neue Formen, neue Arbeitsbereiche, Nischen. Wir brauchen neue Inhalte (klar auch mit alten Werten) und wir brauchen neue Identität. Auf den Punkt gebracht: Die Kirche im Kanton Bern braucht "DIE neue kirchliche Jugendarbeit!"
Harri Wäfler arbeitet im Bereich Sozialdiakonie/Jugendarbeit bei der Reformierten Kirchgemeinde Worb BE.