Von den Forschungsarbeiten Piagets und Kohlbergs zur LOGIK- und zur COCON-Studie
Moral und Werte sind nicht mehr im Trend? Denkste! Bereits zu Beginn der Neunzigerjahre hat sich in Amerika eine Bewegung zur Erneuerung der Moralerziehung gebildet. Und auch in Europa wird fleissig erforscht, wie Kinder und Jugendliche sich zu sozialen Wesen entwickeln. Begonnen hat alles mit den Arbeiten eines Schweizer Psychologen in Genf.
VON PETER MARTI, JUGENDARBEITER
Der Pionier der Erforschung kindlicher Moralentwicklung heisst Jean Piaget
(1896-1980). Anhand des kindlichen Spiels mit Murmeln untersuchte Piaget die Moralentwicklung. Moral
und Spiel sind für ihn Regelsysteme, die sich gut vergleichen lassen. Für seine Forschungen befragte er Kinder zur Anwendung und zum Bewusstsein von Spielregeln.
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Wichtig für Piagets Forschungsarbeit sind die folgenden Schlussfolgerungen. Erstens: Die einzelnen Stadien der Entwicklung von Regelanwendungen und Regelbewusstsein folgen aufeinander. Ein Stadium muss durchlaufen sein, bevor das nächste folgen kann. Zweitens: die Stadien kommen in allen Kulturen vor und sind universell. Und: In den einzelnen Stadien wird durch die Prozesse Assimilation und Akkomodation eine bessere Anpassung der Person an die durch die Umwelt bedingten Gegebenheiten angestrebt.
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Das Stufenmodell von Lawrence Kohlberg
Beeinflusst von den Forschungen Piagets hat der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg
(1927-1987) sein Stufenmodell der moralischen Entwicklung konzipiert. Er unterscheidet dabei drei Niveaus mit je zwei Stufen. Sein Modell basiert auf Langzeitstudien, in denen er mehr als zwanzig Jahre lang die Entwicklung von Personen untersuchte. Interessant ist: nicht alle Personen durchlaufen den Entwicklungsprozess gleich schnell, einige bleiben auf einem niedrigen Niveau stecken, alle durchlaufen die Prozesse aber in der gleichen Reihenfolge.
Kohlbergs Stufenmodell der moralischen Entwicklung (Stufe 0) Fair ist, was ich willNiveau A: Präkonventionell (bis 9 Jahre)
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Für seine Forschungsarbeiten verwendete Kohlberg sogenannte "Dilemma-Geschichten", bei denen die Probanden zum Beispiel beurteilen mussten, ob es legitim ist, in eine Apotheke einzubrechen, um ein lebenswichtiges Medikament für einen anderen Menschen zu stehlen (das berühmte "Heinz-Dilemma").
Kohlbergs Modell gilt auch heute noch nicht als überholt. Trotzdem musste und muss es sich Kritik gefallen lassen. Ist die kindliche Moralentwicklung wirklich ein progressiver Prozess, wie ihn das Stufenmodell darstellt? Und: gibt es überhaupt Menschen, die die Stufe 6 erreichen können? Empirische Studien konnten bisher keinen Nachweis erbringen, dass Menschen ihre moralischen Urteile nach dem Prinzipien der Stufe 6 fällen.
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Der Pädagoge Detlef Garz (*1949) bezeichnet das Modell von Kohlberg zwar als zutreffend. Allerdings gelte es nur, wenn existentielle Grundvoraussetzungen erfüllt seien. Gemäss der Weisheit des Schriftstellers Bert Brecht: "erst kommt das Fressen, dann die Moral".
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Die LOGIK-Langzeitstudie
Eine heute oft zitierte Studie im Zusammenhang mit der kindlichen Moralentwicklung ist die LOGIK-Studie (Longitudinalstudie zur Genese individueller Kompetenzen) des Max-Planck-Institut
für psychologische Forschung in München. Die Studie wurde 1984 gestartet und kam 2005 zum Abschluss. Rund 200 Personen wurden über 20 Jahre hinweg eingehend befragt und beobachtet.
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Die LOGIK-Studienresultate überraschten teilweise sogar die Forscherinnen und Forscher. Unter anderem zeigten sich grosse Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Moralentwicklung betrifft. Und: Ein Fünftel der beobachteten Personen zeigt wenig Interesse, moralisch zu handeln und gesteht dies auch freimütig ein. Im Unterschied zu den Kohlberg-Studien unterscheidet LOGIK zwischen moralischem Wissen einerseits und der Motivation, moralisch zu handeln. Schon früh wissen Kinder, was richtig ist. Das auch tun zu wollen, was man als richtig erkennt, wird dagegen erst in einem zweiten Lernprozess aufgebaut. Diesen Lernprozess durchlaufen Kinder unterschiedlich schnell und mit unterschiedlichem Erfolg. |
Interessant ist, dass der Prozess auch Rückschritte machen kann, vor allem während der Adoleszenz. Und mit 22 Jahren zeigen immer noch 18% der Befragten eine sehr niedrige Motivation moralisch zu handeln.
Zwischen den Geschlechtern gibt es im Übrigen sehr grosse Unterschiede. Während 65% der jungen Frauen eine sehr hohe moralische Motivation haben, sind es nur 35% der jungen Männer. Andere Faktoren wie Wertesystem der Eltern, Schichtzugehörigkeit oder Schultypus spielen hingegen kaum eine Rolle bei der moralischen Motivation.
Menschen, die moralisch handeln, sind keineswegs zufriedener als andere. Im Gegenteil. Oft hiess es: "Ich fühle mich beknackt, aber ich kann nicht anders." Eine Studie des Schweizer Psychologen Fritz Oser kommt zu ähnlichen Resultaten. Er spricht dabei vom unhappy moralist.
Die COCON-Langzeitstudie
Unterstützt vom Schweizer Nationalfonds erforscht die Kinder- und Jugendstudie COCON (Competence and Context) ebenfalls die Entwicklung von sozialen Kompetenzen. COCON ist als Langzeitprojekt angelegt und ist eben erst angelaufen. Im Herbst 2006 wurden die Resultate des ersten Befragungsdurchgangs präsentiert.
Erfragt wurden bei einer repräsentativen Stichprobe von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Werte wie Mitgefühl oder Verantwortungsübernahme. Die ersten Resultate von COCON zeigen: Jugendliche und junge Erwachsene sind im Allgemeinen sehr einfühlsam und verantwortungsbewusst. Mädchen und junge Frauen sind es leicht stärker als Knaben und junge Männer.
Wichtig für die Entwicklung von sozialen Kompetenzen ist bei Kindern die Familie. Bei Jugendlichen spielen Freizeitaktivitäten und der Austausch mit Gleichaltrigen eine grosse Rolle. Und bei jungen Erwachsenen scheint vor allem die Qualität von Beziehungen einen Einfluss auf die Sozialkompetenz - aber auch die Anstrengungsbereitschaft zu haben.
cocon.unizh.ch (COCON-Studie)
Die Moralentwicklung beeinflussen?
Die Erforschung kindlicher und jugendlicher Moralentwicklung erfolgt selbstverständlich meist mit der Motivation, diese dereinst positiv beeinflussen zu können. Seit bekannt ist, dass die Kenntnis der Regeln nicht unbedingt auch deren Befolgung impliziert, spricht zum Beispiel der amerikanische Forscher William Damon
davon, dass Kinder eine "moralische Identität" entwickeln müssen. Ohne moralische Motivation bleibt moralisches Wissen folgenlos.
Ein ideales Hilfsmittel zur Förderung einer positiven Moralentwicklung ist laut Damon eine konsequente aber trotzdem flexible Erziehung. Führen und Grenzen setzen, aber die Regeln zu erklären sei wichtig. Im Übrigen scheinen sich Kinder Verhaltensnormen am Einfachsten anzueignen, wenn die verschiedenen Instanzen in ihrer Umwelt (Familie, Schule, Gemeinde) gleichartige moralische Botschaften übermitteln.
Natürlich ist das heute kaum zu praktizieren: Medien, Eltern, Lehrkräfte und Sporttrainer in einer freien Gesellschaft auf eine Moral einzuschwören? William Damon will es trotzdem versuchen. Sein Instrument sind "Youth Charters" (Jugend-Chartas), die sich eine Gemeinde gibt und bei deren Erarbeitung alle Einrichtungen beteiligt sind, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.
Wieso auch nicht? Initiative Gemeinden auch in unserem Land wären gesucht, um ein solches - freiwilliges - Modell auszuprobieren.
Links
character.org (US-Dachverband für Charaktererziehung)
goodcharacter.com
Quellen
NZZ am Sonntag, 10.12.2006. Wikipedia. http://www.familienperspektiven.at, weitere Internetquellen.
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