Kirchgemeinden: Kein gutes Pflaster für Jugendarbeiter(innen)?

Das Problem ist erkannt. Kirchliche Jugendarbeit gerät angesichts zunehmender Angebotsvielfalt im Freizeitbereich unter Rechtfertigungsdruck. Was tun? Ein guter Jugendarbeiter muss her, ein Profi! Geht eine Kirchgemeinde nicht über die eigenen Bücher, kann sie ihn bisweilen lange suchen.

VON PAUL BAUMANN-AERNE, FACHMITARBEITER FÜR JUGENDFRAGEN DER EVANG.-REF. KIRCHE DES KANTONS ST.GALLEN

Beratungen oder Kriseninterventionen schaffen mir Einblick in örtliche kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, beispielsweise beim Überarbeiten örtlicher Konzepte, bei Konflikten, anlässlich gezielter Einzel-Fachberatung oder bei Fragen zur Neubesetzung einer Stelle. In letzter Zeit melden sich auf Stelleninserate im kirchlichen Kinder- und Jugendbereich oft nur null bis vier Interessierte. Dagegen gibt es stets deutlich mehr Bewerberinnen und Bewerber für Stellen von nichtkirchlichen Trägern, beispielsweise für einen Jugendtreff einer Stadt.

Gründe für die Bewerbungsebbe

Die Konferenz der Beauftragten für Jugendfragen der Deutschschweizer evang.-ref. Kantonalkirchen (KOJU) stellt ein ganzes Bündel von Gründen dafür fest:

Ausbildungsengpässe

Nur das Theologisch-diakonische Seminar in Aarau und das Diakonenhaus in Greifensee bildeten bisher für die Doppelqualifikation als Religionspädagoge und Jugendarbeiter aus. Und nur ein Teil der AbsolventInnen wählt eine Stelle in der Kinder- und Jugendarbeit. Viel zu wenig für die in den letzten Jahren neu geschaffenen oder wieder zu besetzenden Stellen! An der Schule für Soziale Arbeit in Zürich begann nun im Sommer der erste Studiengang für Sozialarbeit, bei dem man als Vertiefungsrichtung theologische und kirchliche Lektionen belegen kann.

Klare Strukturen nötig

Um eine Stelle der Kinder- und Jugendarbeit erfolgreich und sinnvoll zu besetzen, braucht es also zunächst klare Strukturen. Dazu gehört ein verbindliches, schriftliches Konzept, welches möglichst für die gesamte Gemeindearbeit gilt. Strukturen, Arbeitsziele, Arbeitsformen und inhaltliche Ziele klar umrissen sein. Dies obwohl sich erfahrungsgemäss viele Kirchenvorsteherschaften vor solchen Fragen scheuen. Nicht überall wird zum Beispiel schnörkellos gefragt: "Wie fromm soll unsere Kinder- und Jugendarbeit sein?"

Daneben braucht es Stellenbeschriebe, welche periodisch zu überarbeiten sind. Zeitgemässe Arbeitsbedingungen mit definierten Dienstwegen und Abmachungen bezüglich Arbeitszeit, Spesen, etc. müssen selbstverständlich sein. Regelbedürftig sind aber auch typisch kirchlich unscharfe Ränder: Wieviel "übrige Gemeindemitarbeit", wieviel "Teilnahme am kirchlichen Leben" wird erwartet?

JugendarbeiterInnen sind Persönlichkeiten

Als Profis der Kinder- und Jugendarbeit sind spontane, kontaktfreudige und extravertierte Persönlichkeiten gefragt. Nicht selten sind diese Personen aber nicht so pünktlich bei Terminen, handhaben ihren Zeithaushalt eher grosszügig und trennen Wichtiges von Dringendem manchmal eigenwillig. Hier lauert eines der grössten Konfliktpotentiale einer Anstellung! Die Erfahrung zeigt, dass Streit in Kirchgemeinden meist auf Grund diffuser Ziele, Konzepte und Abmachungen entsteht. Tragfähige Arbeitsverträge, Stellenbeschriebe und Konzepte sind deshalb so abzufassen, als würden die Vertragspartner bereits miteinander im Streit stehen. Ein klarer Rahmen begünstigt später die Kreativität des Augenblicks, weil man sich nicht mehr mit Nebensächlichkeiten aufhalten muss. Die meisten Kantonalkirchen bieten deshalb als Hilfe Musterverträge und Stellenbeschriebe an, welche das Anstellungsprozedere erleichtern und vorprogrammierte Konflikte vermeiden helfen.

Spezialisierung durch Teilung

Zielgerichtete Stellenkonzepte sind abgespeckt und umfassen beispielsweise eine Anstellung nur für einen Jugendtreff oder gezielt für Jungschararbeit &endash; natürlich ohne Religionsunterricht. Entsprechend klare Stelleninserate erleichtern die Suche.

Dabei sind Teilzeitstellen sind möglich und teilweise gezielt anzustreben. Bei einer St. Galler Stadt-Kirchgemeinde etwa sind 130 Stellenprozente auf drei Personen verteilt. Ihre Produktivität ist ohne weiteres vergleichbar mit der zweier voll angestellter Personen. Ausserdem sind Spezialisierungen möglich: Jemand für Kinderangebote, eine zweite Person für Jugendarbeit und jemand für aufsuchende Gassenarbeit.

Ansätze zu regionaler Jugendarbeit

Gegenwärtig werden an verschiedenen Orten Zusammenschlüsse mehrerer Kirchgemeinden oder regionale Ansätze für Jugendarbeits-Stellen geprüft. Dies kann neue Stellen ermöglichen in einer Zeit, wo den Kirchgemeinden langsam, aber sicher das Geld ausgeht. Kreativität und der Mut zu strukturellen Veränderungen sind also gefragt. Auch bei diesen Fragen können die kantonalkirchlichen Fachstellen für Jugendfragen beraten und nach einer angepassten Lösung suchen helfen.

Erstveröffentlichung: Magazin NERV 3-1999 (Beilage zur Reformierten Presse Nr.45/99). Herzlichen Dank an den Autor für die Publikationsgenehmigung.


jugendarbeit.ch - erstellt: 17.11.99 - geändert: 03.08.09 - © 2009 by pm