pfad zu dieser seite: startseite > texte > fall seebach | zurückblättern

Jugendgewalt und Populismus - der sogenannte «Fall Seebach» im Rückblick

Dossier

Eine Medienkonferenz der Polizei liess Mitte November 2006 eine Bombe platzen. Eine Bombe, die zu einem wochenlangen intensiven Medienspektakel führte. Rund ein Dutzend Jugendliche mit Migrationshintergrund sollen in Zürich-Seebach ein 13-jähriges Mädchen sexuell missbraucht haben. Ein Jahr später hat die Jugendanwaltschaft ihre Untersuchung abgeschlossen. Der Fall zeigt exemplarisch, wie sich Medien und Politik bei der Skandalisierung von Jugendlichen gegenseitig hochschaukeln und wie wenig es bei solchen Medienereignissen um Fakten oder um die tatsächliche Lösung von Problemen geht.

VON PETER MARTI, JUGENDARBEITER

Die Zürcher Stadtpolizei nahm im November 2006 dreizehn Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 15 bis 18 Jahren fest. Der Vorwurf: Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens. Eine Freundin des Opfers hatte der Schulsozialarbeiterin von den Vorfällen erzählt. Besonders brisant: die Gruppe der Tatverdächtigen setzte sich aus sechs Schweizern ausländischer Herkunft sowie sieben ausländischen Jugendlichen zusammen. Mehrere der verhafteten Jugendlichen waren der Jugendanwaltschaft bereits wegen anderer Delikte bekannt. Bei den Vergewaltigungen sollen laut Polizei jeweils drei bis acht Täter beteiligt gewesen sein - teilweise auch als Zuschauer. Einige Tage nach dem Bekanntwerden der Vorfälle meldete sich eine weitere Schülerin bei der Polizei. Sie sei vor einem Jahr von mehreren Jugendlichen massiv bedroht worden - angeblich, weil sie sich nicht zu sexuellen Handlungen drängen liess. In den vergangenen zwei Jahren waren in der Schweiz ähnliche Fälle bekannt geworden: in Felsberg GR (2005), Rhäzüns GR (2006), Rieden SG (2006) oder Steffisburg BE (2006). Der aktuellste Fall dreht sich um den Missbrauch eines minderjährigen Mädchens durch ein Fussballteam in Thun BE (2007).

Gewaltiges Medienecho

Das Medienecho auf den Vorfall in Zürich war gewaltig. Selbst die ansonsten nüchterne Neue Zürcher Zeitung widmete während Tagen praktisch die ganze Frontseite des Regionalteils allein diesem Thema. Für jugendarbeit.ch interessant ist der Fall, weil er exemplarisch zeigt, wie Gesellschaft, Politik, Fachleute und Medien mit Jugendproblemen umgehen. Ein Jahr nach dem Bekanntwerden zeigt sich vor allem eines: der Fall Seebach ist nicht nur ein Jugendskandal, sondern auch ein Armutszeugnis für die beteiligten Erwachsenen - sei es als Akteure in der Politik und in den Medien aber auch als gierige Konsumenten von dramatisch aufgemachtem Medienfutter.

Der Fall Seebach zeugt von einem Fehlverhalten der Behörden, einem Missbrauch des Falls duch Politiker und von einem medialen Versagen. ... Der Fall Seebach ist ein Tiefpunkt einer zivilisierten rechtsstaatlichen Problembewältigung.
(Kurt Imhof, Kommunikationswissenschaftler, NZZ, 8.-9.12.07)

Ein Protokoll der Geschehnisse


1. Der Schock

13. Nov.: Im Schulhaus Buhnrain kursieren Gerüchte über eine Vergewaltigung. Eine Freundin des betroffenen Mädchens wendet sich an die Schulsozialarbeiterin.

16. Nov.: Die Stadtpolizei Zürich informiert an einer Medienkonferenz, dass 13 Jugendliche - 6 Schweizer (!) und 7 Ausländer - ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt und die Misshandlungen mit dem Handy gefilmt hätten. 12 Täter seien festgenommen worden. Nach dem 13. Täter werde gefahndet. Die meisten Täter seien oder waren Schüler des Schulhauses Buhnrain in Zürich-Seebach.

Die Übergriffe haben nicht in der Schule stattgefunden. Der Fall ist daher kein Problem des Schulhauses, sondern ein gesellschaftliches Problem.
(Schulpräsidentin Vera Lang Temperlin, 17.11.06)

Wir dürfen die Jugendlichen nicht verteufeln. Sexualstraftaten kann man nicht reduzieren auf ein Ausländerproblem. Wie der jüngste Fall zeigt, gibt es auch Schweizer Sexualstraftäter. ... Mädchen provozieren in diesem Alter oft.
(Cornelia Bessler, Ärztin, 18.11.06)

19. Nov.: Der 13. Tatverdächtige ist noch nicht identifiziert. Die meisten der festgenommenen Jugendlichen sitzen nach wie vor in Untersuchungshaft, zwei wurden frei gelassen. Laut Polizei drohen den Beschuldigten Haftstrafen von bis zu vier Jahren. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass die Beschuldigten bereits aus früheren Verfahren aktenkundig sind - nicht bekannt ist, für welche Delikte.
 

Politische Stellungnahmen<>

SVP
Die Partei publiziert aggressive Inserate unter dem Titel: "Jugendgewalt hat einen Namen: Ausländerkriminalität" und fordert unter anderem eine Einschränkung des Familiennachzuges und die Ausschaffung von kriminellen Ausländern. Schuld an solchen Vorfällen sei die rotgrüne Multi-Kulti-Gesellschaft zusammen mit Sozialarbeitern, Kulturvermittlern, Jugendpsychologen, Streetworkern... Die SVP der Stadt Zürich fordert, dass die Täter und nicht die Opfer aus dem Schulhaus genommen werden.

SP
In einer Fraktionserklärung zeigt sich die SP der Stadt Zürich schockiert und fordert Hilfe für das Opfer und seine Angehörigen. Jugendliche müssten dabei unterstützt werden, eine eigene, respektvolle Identität zu entwickeln.

FDP
Die FDP der Stadt Zürich will Lösungen statt Worthülsen und polemische Erklärungen. Die Schule könne nicht noch mehr Erziehungsaufgaben übernehmen. Die FDP will die Schulsozialarbeit fördern.

CVP/EVP
Die CVP und EVP der Stadt Zürich finden, es sei nun nicht die Zeit des Richtens, sondern der Fürsorge für das Opfer. Der Migrationshintergrund der Vorfälle dürfe weder ignoriert noch zum Anlass der Rache genommen werden.


2. Schuld und Unschuld

19. Nov.: Einige Medien berichten, die Schulbehörden hätten vor Monaten bei einem ähnlichen Fall einer Mutter von einer Strafanzeige abgeraten. Das betroffene Mädchen habe daraufhin das Schulhaus gewechselt.

20. Nov.: Stadtrat Gerold Lauber nimmt die Schule in Schutz. Die Schulleitung habe keine Fehler gemacht. Die Vorwürfe der Presse seien falsch.
Die Stadtpolizei hat zum Fall eine "Task-Force" gebildet. Der dreizehnte Verdächtige sei identifiziert, jedoch bereits wieder entlassen worden.
Die Jugendanwaltschaft berichtet, dass bei den Einvernahmen "viele Tränen flössen". Die Tatbeiträge seien unterschiedlich hoch. Die verdächtigen sechs Schweizer seien eingebürgert. Sie stammen ursprünglich aus Mazedonien, Bosnien, Serbien, Italien und der Dominikanischen Republik.

20. Nov.: Im Zürcher Kantonsrat wird über den Fall (zuweilen lautstark) diskutiert. Laut CVP muss die Familie gestärkt werden und es muss in Horte und Tagesschulen investiert werden, um Vergewaltigungen in Zukunft zu verhindern. Für die SVP ist die Linke schuld an solchen Fällen. Dieser Fall sei die Frucht der multikultuellen Gesellschaft. Die SP wiederum sieht die Schuld bei der SVP, welche eine widerliche Verelendungspolitik betreibe. Die FDP rügt die SVP für ihre Schuldzuweisungen.

 
22. Nov.: Seit der Fall bekannt geworden ist, verzeichnen Beratungs- und Opferhilfestellen sowie Polizei eine starke Zunahme von Meldungen über sexuelle Gewalt. Nur in wenigen Fällen würden jedoch Anzeigen erstattet.
Die Schulpräsidien der Stadt Zürich unterstützen den Vorschlag des Stadtrates, an der Volksschule das Frühwarnsystem für Übergriffe zu stärken. Die Schulsozialarbeit soll ausgeweitet werden. Die Erhöhung der Klassengrössen sei problematisch.
Die Kreisschulpflege Glatttal gibt bekannt, dass die Schulleiterin des Schulhauses Buhnrain bis auf weiteres krank geschrieben sei. Die Erkrankung sei eine Folge der grossen Belastung durch die Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe im Umfeld des Schulhauses.

22. Nov.: Der Fall ist offensichtlich sogar Thema an der Bundesratssitzung. Justizminister Christoph Blocher (svp.) will den Fall in seinem Departement analysieren lassen.
Im Zürcher Gemeinderat wird eine emotionale Debatte zum Fall geführt. Die grossen Parteien verlesen Fraktionserklärungen. Die kleinen ausländerkritischen Parteien verlangen mehr Härte gegenüber den Tätern. Eine Gemeinderätin der Alternativen Liste wirft den Medien fehlende Sachlichkeit vor und weist auf die vielen sexuellen Übergriffe von Schweizern hin, von denen man in der Presse nie etwas lese. Die SVP habe lange Zeit das Schulpräsidium in Seebach innegehabt. Ein CVP-Gemeinderat sieht den Fall als Frucht der "gesellschaftlichen Dekadenz". Für die SVP handelt es sich vor allem um ein "Balkan-Problem", das nicht verschwiegen werden dürfe.

Es geht nicht an, dass man sich unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Vorfalls mit unreflektierten Erklärungen und Vorstössen zu profilieren versucht ... die Analyse der Gründe für diese Tat ist abzuwarten.
(Matthias Hauser, SVP-Kantonsrat und Lehrer im Schulhaus Buhnrain, 22.11.06)

Medienberichte

Weltwoche: Schule der Gewalt
Die Wochenzeitschrift widmet dem Thema ganze 9 Seiten, macht sich über die hilflosen Stellungnahmen sogenannter Experten lustig und spricht von einem "Balkanproblem" an Schulen. (Weltwoche, 23.11.06)

NZZ am Sonntag: Der Traum vom Ghetto
Der Journalist reist ins "Krisengebiet" nach Seebach und trifft dort die Ghettokids Darko und Toni. Sein Fazit: Das Ghetto nicht real, sondern bloss eine Vorstellung in den Köpfen von Möchtegern-Gangstern. Seebach ist ein Quartier wie jedes andere. (NZZamSonntag, 26.11.06)

NZZ: Gewalt ist ein Teil der Hip-Hop-Kultur
Die Zeitung fragt sich, ob alle Jugendliche genügend Abstraktionsvermögen haben, um den Sexismus und die Gewaltverherrlichung der Hip-Hop-Kultur als Show zu durchschauen. (NZZ, 29.11.06)

NZZ: Intervention und Prävention
Der Kriminologe Manuel Eisner sieht wenig Möglichkeiten, mit Repression solche Fälle zu verhindern. Er schlägt Prävention und sinnvolle Interventionen vor. Massnahmen für einen besseren Schutz der Opfer, Therapien für auffällige und aggressive Jugendliche, Programme zur Förderung der Medienkompetenz und zur Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. Diese Massnahmen hätten allerdings nur Erfolg, wenn ausländische Eltern und Immigrantenvertreter für eine Mitarbeit gewonnen werden können. (NZZ, 28.11.06)


3. Wahrheitssuche

23. Nov.: Die Jugendanwaltschaft teilt mit, Vorverurteilungen seien gefährlich. "Nicht alles war illegal, was mit dem Mädchen angestellt wurde." Es sei nicht auszuschliessen, dass das Mädchen bei gewissen sexuellen Handlungen freiwillig mitgemacht habe. Die Glaubwürdigkeit des Mädchens spiele im Verfahren eine Rolle. Mit jeder Einvernahme würde sich das Bild von den Vorfällen ändern.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ausufernde Pornografie und die Gewaltdarstellungen in den Medien ohne Einfluss auf Heranwachsende sein können.
(Marcel Bertschi, ehemaliger Staatsanwalt, 23.11.06)

Jugendliche Straftäter haben sehr wohl ein klares Bewusstsein für ihr schuldhaftes Handeln.
(Jugendstaatsanwalt Marcel Riesen, 24.11.06)


4. Pannen, Inszenierungen, Anschuldigungen und Schuldlosigkeitsbeteuerungen

28. Nov.: Die zehn inhaftierten Jugendlichen werden laut Jugendanwaltschaft in Untersuchungshaft gehalten, damit keine Absprachen getroffen werden können. Nun wird bekannt, dass vier Jugendliche zusammen in einer Zelle platziert wurden. Die Jugendanwaltschaft glaubt dennoch nicht daran, dass sich die Jugendlichen abgesprochen haben. Der Fall sei dazu zu komplex, sagt ein Sprecher der Jugendanwaltschaft.

29. Nov.: Ein 16-jähriger - bereits entlassener - Jugendlicher wird ein zweites Mal inhaftiert. Via die Boulevardzeitung Blick hat er das Opfer bedroht: "Wenn wir sie finden, dann können wir für nichts garantieren." Der Jugendliche wird jedoch kurz nach der Einvernahme wieder frei gelassen.

Die Organisation Netzwerk Schulische Bubenarbeit springt auf den rollenden Zug des Medienereignisses auf und veröffentlicht einen Brief an alle Schweizer Behörden sowie die Bundesräte Blocher und Couchepin. Darin wird die eigene Arbeit vorgestellt und nach einem breiten Auftrag für geschlechtsbezogene Präventionsarbeit gebeten. Der Brief wird von Dutzenden von Fachleuten und verschiedenen Institutionen unterzeichnet.

Die Bubenarbeit setzt sich für ein lebendiges, vielfältiges, kraftvolles und respektvolles Junge-Sein ein. ... Wir glauben, damit einen wesentlichen, pro-aktiven, präventiven Beitrag gegen sexuelle Gewalt, gegen Gewalt zu leisten.
(Offener Brief des NWSB, Ende November 2006)

Steigt die Zahl der von Jugendlichen begangenen Straftaten an?

Über Statistiken lässt sich trefflich streiten. So auch über die Frage, ob Gewaltdelikte von Jugendlichen zugenommen haben oder nicht. Die Statistik selber zeigt ein klares Bild: die Zahl jugendlicher Tatverdächtiger hat seit 1999 stark zugenommen. Vor allem bei den Gewaltdelikten ist ein grosser Anstieg festzustellen.

Gestritten wird vor allem darüber, ob dieser statistische Anstieg die Realität widerspiegelt. Während der Kriminologe Manuel Eisner davon ausgeht, dass die Jugendgewalt eher abnimmt (das Anzeigeverhalten der Bevölkerung aber steigt), geht der Kriminologe Martin Killias von einer Zunahme aus. Die Hypothese vom erhöhten Anzeigeverhalten sei eine "vor allem in akademischen und journalistischen Kreisen" verbreitete Ausrede.

Unumstritten ist hingegen, dass junge Ausländer öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten, als Schweizerinnen und Schweizer. Zwischen 2001 und 2003 betrafen im Durchschnitt nur 40% aller Jugendstrafurteile einheimische Jugendliche - 60% entfielen auf junge Ausländerinnen und Ausländer.

(NZZamSonntag, 26.11.06)

5. Dez.: Noch bevor die Umstände des Falles von den Strafverfolgungsbehörden geklärt sind, präsentiert das Stadtzürcher Schuldepartement Resultate einer internen Abklärung. Das Fazit der Schulverantwortlichen: die Schule hat sich nichts vorzuwerfen, die Schulleitung hat keine Fehler gemacht, in den Medien diesbezüglich gemachte Anschuldigungen sind falsch. Trotzdem sollen im kommenden Frühling "Werkzeuge gegen Jugendgewalt" vorgestellt werden.

10. Dez.: Gegen die Stadtpolizei werden eine Strafanzeige und mehrere Aufsichtsbeschwerden eingereicht. Anwälte, Richter und Strafrechtler werfen der Polizei vor, sie habe bevor der Fall geklärt sei, die angeschuldigten Jugendlichen öffentlich verurteilt und gar Amtsgeheimnisse verletzt. Die Vorsteherin der Stadtpolizei, Esther Maurer, weist diese Vorwürfe scharf zurück. Es gehe nicht an, nun plötzlich das Opfer als Täterin darzustellen. Die Polizei habe von Anfang an sauber und seriös gearbeitet.

Als Frau reagiere ich sehr empfindlich, wenn Vergewaltigungen verharmlosend dargestellt und am Ende schöngeredet werden.
(Esther Maurer, Stadträtin, 10.12.06)

 
5. Der Wirbel legt sich

14. Dez.: Die von der Jugendanwaltschaft seit Längerem angekündigte Videokonfrontation des Opfers mit den Tätern kann aus gesundheitlichen Gründen bis auf Weiteres nicht durchgeführt werden. Eine untersuchungsrichterliche Einvernahme des Opfers hat deshalb bisher noch gar nicht stattgefunden. Vier Angeschuldigte werden aus der Untersuchungshaft entlassen und in Institutionen ausserhalb von Zürich untergebracht. In Haft sind noch 7 Beteiligte.

22. Dez.: Die Jugendanwaltschaft hat vor Weihnachten alle noch inhaftierten minderjährigen Jugendlichen aus der Untersuchungshaft entlassen. Noch in Haft bleibt der 18-jährige Tatverdächtige, dessen Untersuchungshaft sogar um drei Monate (!) verlängert worden ist. Die entlassenen Minderjährigen sind in verschiedene Erziehungseinrichtungen eingewiesen oder bei Pflegefamilien untergebracht worden. Zudem wurde ein Rayonverbot verhängt: die Angeschuldigten dürfen keinen Kontakt mit dem Opfer aufnehmen.

19. April 2007: Vier Monate nach dem Bekanntwerden des Falles kündigt das Schulamt ein Projekt "Radar" an, mit welchem in Zukunft solche Fälle verhindert werden sollen. Vor allem wird von den Verantwortlichen nochmals betont: Wir haben keine Fehler gemacht!

Studie: Uni Zürich 1999
3-4 Prozent der 13- bis 15-jährigen Jugendlichen im Kanton Zürich werden Opfer von sexueller Gewalt. In mehr als 40 Prozent der Fälle sind die Täter selbst minderjährig. Das sind rund 300 Fälle pro Jahr - allein im Kanton Zürich. In den meisten Fällen kennen sich Opfer und Täter. Die Opfer sind oft auch von anderen Formen von Gewalt betroffen und häufig Mitglieder von Jugendcliquen.
Die Studie zeigt: Sexuelle Gewalt unter Minderjährigen wird von Erwachsenen unterschätzt. Dies auch, weil sie kaum je davon erfahren. Nur 3% der Fälle mit minderjährigen Täter werden angezeigt. Bei erwachsenen Tätern sind es 17%. Rund 40% der Täter stammen laut der Studie aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Türkei. Ein Drittel der Täter sind Schweizer.
(Quelle: NZZ, 28.11.06)

Statistik der Strafurteile
Das Bundesamt für Statistik meldet Anfang November 2007, die Zahl der Jugendstrafurteile insgesamt steige seit drei Jahren nicht mehr an und Urteile gegen die sexuelle Integrität würden lediglich 0.8% aller Jugendstraftaten ausmachen, nämlich 113 Fälle im Jahr 2006 in der ganzen Schweiz.

 
6. Jugendgewalt als Wahlkampfthema

Jugendgewalt in der Schweiz wurde (unter anderem auf Grund dieses Falles) zum beherrschenden Wahlkampfthema der Nationalratswahlen vom Oktober 2007. Nicht nur die konservative SVP beteiligte sich an der Instrumentalisierung der Ereignisse von Seebach für eigene Zwecke. Praktisch alle politischen Parteien versuchten mit "Massnahmen gegen Jugendgewalt" bei ihrer Wählerschaft zu punkten.

Unter anderem trugen die folgenden Akteure (meist in ziemlich eigenem Interesse) zum mehrmonatigen Wahl-Jugendgewalt-Hype tatkräftig bei: die grossen Tageszeitungen, das Schweizer Fernsehen und die privaten Fernsehstationen, die SVP (Jugendkriminalität ist Ausländerkriminalität), der Rapper Stress (Angriff auf die SVP!), Bundesrat Blocher (Polizei auf den Pausenplatz!), die SP-Schweiz, die SP-Zürich (repressiver 12-Punkte-Plan), ein Polizeipressesprecher (wer sich nicht integriert soll nach Hause!) oder die CVP-Schweiz (Vision Zero).

Der Anfang Jahr in den Kinos gezeigte Film "Breakout", der Gewalt im Hip-Hop-Milieu thematisiert, heizte die Diskussion weiter an.

Wir haben es mit zwei Akteuren der Empörungsbewirtschaftung zu tun: den Medien und Teilen des politischen Personals, die den Medienpopulismus mit einem politischen Populismus ergänzen. Beides zusammen reicht, um gewaltigen Unsinn zu produzieren. ... Und weil sich moralische Empörung so wunderbar verkauft, erleben wir gut 200 Jahre nach der Aufklärung wieder Hexenjagden.
(Kurt Imhof, Kommunikationswissenschaftler, NZZ, 8.-9.12.07)

 
7. Ein Jahr danach. Was bleibt?

Herbst 2007: Die Jugendanwaltschaft hat das Verfahren noch nicht vollständig abgeschlossen. Zeitungen berichten bereits über Interna aus der Untersuchung, welche von der Jugendanwaltschaft jedoch nicht kommentiert werden. Unter anderem publiziert der Tages-Anzeiger angebliche Auszüge aus dem polizeilichen Protokoll der Opferbefragung. Gestützt auf Aussagen juristischer Vertreter der Verdächtigten verbreiten Blick und Tages-Anzeiger das Bild, der Fall werde sich ziemlich in Luft auflösen - ein erneuter Fehlschluss, wie sich bei der Fallpräsentation der Jugendanwaltschaft im Dezember herausstellen wird.

Dieselben Medien, die alles taten, um aus der Geschichte einen Hype zu machen, erklären uns nun fröhlich "April, April" und wetzen gleichzeitig die Messer gegen die Behörden. Jemand muss ja den schwarzen Peter machen.
(Kurt Imhof, Kommunikationswissenschaftler, NZZ, 8.-9.12.07)

5. Dez. 2007: Die Jugendanwaltschaft informiert die Öffentlichkeit über die Ergebnisse ihrer Untersuchung zum Fall Seebach. Obwohl nur zwei Jugendliche wegen Vergewaltigung angezeigt würden, relativiere dies den Vorfall keineswegs, so die Aussage der Jugendanwaltschaft. Es sei "sehr schlimm", was das 13-jährige Mädchen habe erleben müssen. Alle 13 zunächst tatverdächtigten Jugendlichen seien in die Übergriffe involviert gewesen. Sechs hätten Handlungen ausgeübt, die strafrechtlich zu ahnden seien.
Wegen Vergewaltigung angeklagt werden der damalige 16-jährige Freund des Opfers und der junge Erwachsene, in dessen elterlicher Wohnung die Übergriffe stattgefunden haben. Die Anklagen lauten auf Vergewaltigung, Ausnützen einer Notlage und Pornografie, im Falle des Älteren auch auf sexuelle Nötigung, Schändung und sexuelle Handlungen mit einem Kind. Vier weitere Jugendliche werden wegen Pornografie, sexueller Handlungen mit einem Kind und Schändung belangt. Die Jugendanwaltschaft hat gegen sie Erziehungsverfügungen erlassen. Sieben der Verdächtigten haben keine strafrechtlich relevanten Handlungen begangen, die Verfahren gegen sie wurden eingestellt. Das heisse aber nicht, dass in Ordnung sei, was diese sieben getan hätten. Einige dieser sieben Jugendlichen hätten deshalb ein dreimonatiges Therapieprogramm für ihr Sexualverhalten absolvieren müssen. Die Jugendlichen, deren Verfahren eingestellt wurde, enthalten für die Untersuchungshaft eine Genugtuung von 100 Franken pro Tag.
Die Verfügungen der Jugendanwaltschaft sind im Übrigen noch nicht rechtskräftig und können angefochten werden, die Gerichtsverhandlung gegen die beiden Hauptangeklagten wird voraussichtlich im Frühjahr 2008 stattfinden.

Für die Opfer spielt es in der Regel keine grosse Rolle, welche Straftatbestände vorliegen. Es gibt auch schwere sexuelle Übergriffen, die nicht strafbar sind, aber ebenso demütigend wie eine Vergewaltigung.
(Regula Schwager, Opferberatungsstelle Castagna, 5.12.07)

9. Dez. 2007: Die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich hat ein Strafverfahren wegen Amtsgeheimnisverletzung gegen zwei Beamte der Stadtpolizei eröffnet. Davon betroffen ist unter anderem der Chefermittler des Falles, welcher am 16. November 2006 an einer Pressekonferenz über den Fall informierte. Der Ermittler meint heute, er habe aus dem Fall seine Lehren gezogen und würde im Rückblick mit Sicherheit zurückhaltender informieren.

Fazit

Das Medienspektakel war gross. Die Empörung war gewaltig. Wird sich etwas ändern bezüglich Umgang mit Jugendgewalt in der Schweiz? Wohl kaum, denn das Problem ist vielschichtig und nicht mit einzelnen Massnahmen lösbar. Und vielleicht gibt es auch gar keine Lösung dafür.

Sich mit irgendwelchen Vorstössen öffentlich zu profilieren, wie dies Vertreter verschiedener politischer Parteien immer wieder tun - das ist einfach. Ebenso einfach ist es, aus dem Vorfall Kapital für die eigene Arbeit zu schlagen, wie es zum Beispiel das Netzwerk Schulische Bubenarbeit mit seinem Offenen Brief an den Bundesrat oder auch die Schulbehörden mit der Forderung nach mehr Schulsozialarbeit und kleineren Schulklassen getan haben.

Sich nachhaltig und über Jahre hinweg mit Jugendlichen auseinanderzusetzen, ihnen Grenzen aufzuzeigen und sie zu erziehen - das ist aufreibend. Und es ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft, nicht nur für Fachleute oder für Eltern. Leider ist es aber wohl der einzig sinnvolle Lösungsversuch für unsere Probleme mit Jugendlichen.

Gesucht sind daher Lehrerinnen und Lehrer, die sich als Pädagogen verstehen und nicht nur als Wissensvermittler. Und die in dieser Haltung auch von der Gesellschaft und der Politik unterstützt werden. Eine Stärkung der Schule - v.a. in belasteten Quartieren ist wichtig und sinnvoll. Das Motto heisst hier: Weniger Bürokratie, mehr Pädagogik.

Gesucht sind Politikerinnen und Politiker, die statt warmer Luft zu produzieren, sich unterschiedliche Standpunkte anhören und fachlich begründete Entscheide treffen. Das Motto heisst hier: Weniger Schnellschüsse und Inszenierungen, mehr Überlegungen und Tiefgang.

Gesucht ist zum Beispiel eine Integrationspolitik, welche Jugendliche nicht mit einem N- oder F-Ausweis über Jahre hinweg in einer hoffnungslosen Warteschlaufe parkiert, sondern allen Jugendlichen, die in unserem Land leben, eine Perspektive bietet. Das Motto heisst hier: Wertschätzen, fördern und fordern.

Gesucht sind Jugendarbeitende und Animatoren, die von liebgewordenen Weltbildern Abschied nehmen können und die die Welt so sehen wollen, wie sie ist. Die multikulturelle Gesellschaft ist Realität geworden, aber leider nicht unbedingt so, wie wir es uns vorgestellt haben. Etwas mehr Bescheidenheit in Bezug auf die eigenen Präventionsmöglichkeiten würde uns ebenfalls gut tun. Und vielleicht auch ein Berufsverständnis, dass sich stärker auf Pädagogik ausrichtet als auf die Durchsetzung politischer Vorstellungen oder auf Fachdiskussionsfloskeln wie Sozialraumorientierung oder Gender-Mainstreaming.

Gesucht sind auch Medienschaffende und Unternehmer, die neben dem wirtschaftlichen Aspekt ihrer Tätigkeit, moralische Aspekte mindestens teilweise berücksichtigen. Mit Gewalt, Suchtmitteln und Sex lässt sich viel Geld verdienen und es wird viel Geld verdient. Was dies aber mit unseren Kindern anstellt, ist weitgehend ungeklärt und will auch gar nicht so genau geklärt sein.

Gesucht sind nicht zuletzt Strafverfolgungsbehörden und Polizisten, die neben dem juristischen Aspekt ihrer Tätigkeit den gesunden Menschenverstand einsetzen und die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren suchen, welche im Jugendbereich tätig sind. Das Motto lautet hier: Weniger juristische Spitzfindigkeiten, weniger Amtsgeheimnis, mehr pädagogisches Geschick.

Und vor allem: Niemand ist allein verantwortlich für das was passiert. Aber alle sind mitverantwortlich. Die Schuld auf einen einzelnen Akteur abzuschieben ist verfehlt. Jede Schuldlosigkeitsbeteuerung in eigener Sache ebenfalls.

Gesucht ist deshalb auch eine Bevölkerung, die sich in unter anderem bei Integrationsfragen vom gesunden Menschenverstand leiten lässt, die politische Warmluftproduzenten von der Wahlliste streicht und die in Sachfragen, die richtigen Entscheide trifft. Eine Gesellschaft, in der jeder an seinem eigenen Ort die richtigen Entscheide trifft und die Verantwortung wahr nimmt. Als Eltern, Nachbarn, Grosseltern, Hauswart, Passant, Freund, Lehrmeister, Lehrerin ... Erstaunlicherweise ist dies im Kleinen gar nicht so selten der Fall. Und das gibt die Hoffnung, dass sich etwas ändern kann.

Sendung Doppelpunkt: Sexualdelikte von Jugendlichen - was tut die Gesellschaft?
Eine informative und sachliche Radiosendung (21.11.06), hörbar als Podcast von Radio DRS1.
[pod.drs.ch/.../doppelpunkt_20061121.mp3] (52 min., mp3-Format)

Nachträge

(1) Neuer Vorfall? Ende November 2007 soll es im Umfeld des Schulhauses Buhnrain erneut zu einer Serie von sexuellen Übergriffen gekommen sein. Sechs Jugendliche zwischen 12 und 14 Jahren sind vorübergehend festgenommen worden. Eltern haben Strafanzeige eingereicht, weil mehrere Mädchen verbal bedroht und sexuell belästigt worden sind. Die Vorfälle sollen sich auf dem Pausenplatz des Schulhauses oder auf dem Schulweg ereignet haben. (NZZ, 11.12.07)

(2) Rekurs gegen Verfahrenseinstellung. Die Partei des vergewaltigten 13-jährigen Mädchens rekurriert gegen die Einstellung der Verfahren von sieben Angeschuldigten. Die Rekurse werden nun vom Jugendgericht Zürich behandelt. (NZZ, 17.01.08)

(3) Gerichtsverhandlung nicht öffentlich. Die Gerichtsverhandlung vom 26./27. Februar gegen die zwei angeschuldigten Jugendlichen wird nicht öffentlich sein. Das Opfer hat den Ausschluss der Öffentlichkeit verlangt, was ihm laut Opferhilfegesetz zusteht. Die mündliche Urteilseröffnung wird voraussichtlich Anfang April stattfinden. (NZZ, 12.02.08)

(4) Zwei Täter verurteilt. Das Bezirksgericht Zürich hat die beiden 17- und 19-jährigen angeklagten jungen Männer wegen mehrfacher Vergewaltigung, Schändung, Ausnützung einer Notlage und Pornografie verurteilt. Der erwachsene Täter wurde mit 3,5 Jahren Freiheitsstrafe belegt. Der 17-Jährige wird unbefristet in ein Erziehungsheim eingewiesen. Beide Täter müssen ihrem Opfer eine Genugtuung von 35'000 Franken bezahlen. (NZZ, 5./6.04.08)

(5) Strafverfahren gegen Stadtpolizisten. Fast alle Strafverfahren gegen die beteiligten Jugendlichen wurden mittlerweile eingestellt oder sind rechtskräftig. Noch hängig ist eine Untersuchung gegen zwei hochrangige Stadtpolizisten. Die Anwälte der Jugendlichen werfen ihnen vor, die Angeschuldigten öffentlich vorverurteilt zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Amtsgeheimnisverletzung und Amtsmissbrauch. Die Polizei lässt heute verlauten, dass "sie die Lehren aus dem Fall gezogen habe" und künftig weniger offensiv informieren werde. (NZZ, 19.05.09)

(6) new Berufungsprozess gegen einen Täter. Im Berufungsprozess gegen den volljährigen Täter im sog. Fall «Fall Seebach» wurde das Urteil vom Frühjahr 2008 weitgehend bestätigt. Die Strafe wurde hingegen von 3,5 auf 2,5 Jahre reduziert, davon 7 Monate unbedingt. Diesen Teil der Strafe hat der heute 20-Jährige bereits mit 230 Tagen Untersuchungshaft verbüsst. Der Staatsanwalt, der eine leicht höhere Strafe forderte unterlag in der Berufung klar. (NZZ, 30./31.05.09; 10.06.09)

(7) new Freigesprochener aus Fall Seebach in Gewaltdelikt involviert. Einer der im sog. «Fall Seebach» freigesprochenen Angeschuldigten ist im Juli 2009 erneut im Zusammenhang mit einem Gewaltdelikt verhaftet worden. Mehrere junge Erwachsene hatten am 29. Juni 2009 einen 51-jaehrigen Autolenker auf der A1 bei Winterthur schikaniert, verfolgt und in einer Tiefgarage in Bazenheid SG brutal verpruegelt. (NZZ, 20.07.09)

Das ist ein Text mit direkten Links zum Internetlexikon Wikipedia. Realisiert mit Gollum, dem Wikipedia-Browser.

jugendarbeit.ch - erstellt: 04.12.06 - geändert: 27.07.09 - © 2006-2009 by pm