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Zuversicht ohne Illusionen bei der deutschen Jugend

13. Shell-Jugendstudie 2000

Als Leitfaden durch die Welt der heutigen Jugendlichen liegt seit wenigen Tagen die neue Shell-Jugendstudie vor. Sie ist von einem Forscherteam um den Frankfurter Sozialwissenschaftler Arthur Fischer erstellt worden und hat rund 1,7 Millionen Mark gekostet. Finanziert wurde die Studie von der deutschen Tochter des Öl- und Energiekonzerns Shell. Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen die persönliche Zukunft "eher zuversichtlich" beurteilt; "eher düster" geben lediglich neun Prozent an.

VON PETER MARTI, JUGENDARBEITER

Hinsichtlich Datenmenge und Aussagekraft handelt es sich beim soeben erschienenen Werk um das umfangreichste in der langen Reihe von Shell-Studien seit dem Jahr 1953. Neben der Hauptstudie mit 4546 befragten deutschen Jugendlichen wurde erstmals auch eine Zusatzstichprobe mit rund 650 Jugendlichen ohne deutschen Pass, vor allem Türken und Italienern, organisiert.

Eine Besonderheit der Shell-Studie ist das Vorgehen der Forscherinnen und Forscher bei der Erstellung der Fragebogen. Auf Grund von ausführlichen qualitativen Interviews und Gruppendiskussionen mit einigen Dutzend Jugendlichen werden die Fragebogen für die quantitative Studie zusammengestellt. So wird sichergestellt, dass die Befragenden auch nach tatsächlich relevanten Inhalten fragen und nicht lediglich nach Kriterien von erwachsenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Durchgeführt wurde die Studie übrigens im Jahr 1999, drei Jahre nach der letzten Studie von 1996, die vor drei Jahren als 12. Shell-Jugendstudie erschien.

Hauptergebnisse der Studie

In einer Zusammenfassung halten die Autorinnen und Autoren der Studie folgende Ergebnisse der aktuellen Studie für wichtig.

Ausländerfeindlichkeit: eher eine Frage der persönlichen Lebenslage als eine Frage der Gesinnung

Jugendliche, die gute persönliche Zukunftsperspektiven haben, glauben...
... zu 78 % dass kriminelle Ausländer abgeschoben werden sollen
... zu 36 % dass Ausländer den Deutschen die Arbeit wegnehmen
 ... zu 38 % dass es Deutschland ohne Ausländer wirtschaftlich besser ginge
... zu 38 % dass sich die Politiker zu sehr um die Ausländer sorgten und zu wenig um die Deutschen

Jugendliche mit schlechten persönlichen Perspektiven glauben...
... zu 86 % dass kriminelle Ausländer abgeschoben werden sollen
... zu 62 % dass Ausländer den Deutschen die Arbeit wegnehmen
 ... zu 55 % dass es Deutschland ohne Ausländer wirtschaftlich besser ginge
... zu 62 % dass sich die Politiker zu sehr um die Ausländer sorgten und zu wenig um die Deutschen

Wirbel um SPIEGEL-Artikel

Unterschiede zwischen Deutschland Ost und West

Die Forscherinnen und Forscher erstaunte, dass sich in fast allen untersuchten Themenbereichen die Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Jugendlichen vergrösserten und nicht etwa kleiner wurden, wie dies erwartet werden könnte. Jugendliche im Osten erleben ihre Situation als belastender, zum Teil auch bedrückender. Eine Ausnahme macht eine Teilgruppe, darunter besonders viele junge Frauen, deren Leistungsbereitschaft deutlich höher ist als im Westen und die Bereitschaft zu Mobiliät und beruflicher Selbständigkeit signalisiert.

In einem Artikel der deutschen Zeitschrift SPIEGEL wird von 27 Prozent hoch ausländerfeindlichen Jugendlichen als Resultat der Shell-Studie gesprochen. Diese Zahl ist gemäss den Autoren der Jugendstudie falsch, wie sie in einer Richtigstellung zu Handen der Presse mitteilen. Die SPIEGEL-Journalisten haben ein methodisches Verfahren der Statistik falsch interpretiert. Die Frage, wieviele Jugendliche ausländerfeindlich eingestellt sind, lasse sich wissenschaftlich nicht seriös beantworten, halten die vier Autoren der Shell-Studie fest.

Jugendforschung in der Schweiz

In der Schweiz fehlt ein ähnlich ambitioniertes Projekt der Jugendforschung, wie es die deutsche Shell-Studie darstellt. Kleinere Projekte von Universitäten werden jedoch immer wieder gestartet. Die Shell-Jugendstudie dient dann oft als Vergleich zur Interpretation der hiesigen Umfrageresultate. Einen Überblick über den Stand der Jugendforschung in der Schweiz bietet ein Bericht des Bundesamtes für Kultur, der im Dezember 1999 erschienen ist.

Wenig Unterschiede zwischen Mädchen und Knaben

Typisch weibliche Lebensmuster im Unterschied zu typisch männlichen scheint es nicht zu geben. In Bezug auf Werte, Zukunftsvorstellungen, Lebenskonzepte und biographische Planung ist vielmehr ein Angleichungsprozess zwischen den Geschlechtern festzustellen.

Wissenschaftliche Studien nach dem Modell der Shell-Studie dürfen keinesfalls mit sogenannten "Meinungsumfragen" von TV, Radio und Presse verwechselt werden. Diese arbeiten oft mit zu kleinen Stichproben und implizieren bereits in der Fragestellung eine bestimmte Antwort - die dann die Schlagzeilen für die nächste Ausgabe des Nachrichtenbulletins bietet.

Für Politik und Sozialpädagogik sind die Forschungsergebnisse von Jugendstudien wichtige Hilfsmittel bei der Massnahmenplanung im Jugendbereich. Leider verlassen sich gerade die Politikerinnen und Politiker aber häufiger auf kurzlebige Schlagzeilen, denn auf seriöse Forschung, weil sich daraus besser politisches Kapital schlagen lässt.

Das Forscherteam der 13. Shell-Jugendstudie

Arthur Fischer (Institut Psydata) 
Dr. Yvonne Fritzsche (Institut Psydata)
Prof. Dr. Werner Fuchs-Heinritz (Fernuniversität Hagen)
Prof. Dr. Richard Münchmeier (Freie Universität Berlin)

Quellen:
Presseinformation zur 13. Shell-Jugendstudie. Der Spiegel.

jugendarbeit.ch - erstellt: 02.04.00 - geändert: 03.08.09 - © 2009 by pm