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Vom erkämpften Freiraum zum sozialen Grundangebot

Jugendtreffs am Beispiel der Stadt Bern

Der Trägerverein für die offenen Jugendarbeit der Stadt Bern TOJ wurde 1998 gegründet. Nach einer Pilotphase mit jährlich neu ausgehandelten Verträgen wird der TOJ ab 2003 einen vierjährigen Vertrag mir der Stadt Bern abschliessen können. Damit macht die offene Jugendarbeit einen wichtigen Schritt hin zum sozialen Grundangebot.

VON MARKUS KAUFMANN, GESCHÄFTSFÜHRER TOJ

Vor dreissig Jahren erkämpften sich Jugendliche in Bern ihre Freiräume und verwalteten sie selber. Zehn Jahre später setzten sich Erwachsene zusammen mit ihnen für die Schaffung von Jugendtreffs ein. Es entstanden Vereine, die von der Stadt finanziell unterstützt wurden und die Profis für die Jugendarbeit einsetzten.

In den 1990er-Jahren wandelte sich die Ausrichtung. Ausschlaggebend waren nicht mehr die "von unten" formulierten Bedürfnisse, sondern der "von oben" vorgegebene Bedarf. Die Auftraggeber begannen, Leistungsverträge mit Trägern abzuschliessen, in denen Quantität und Qualität der Angebote festgehalten sind.

Die Tatsache, ein soziales Grundangebot zu sein, birgt allerdings Chancen und Risiken.

Einerseits muss die offene Jugendarbeit zwar nicht mehr um ihre Existenzberechtigung kämpfen, womit Energien für die Entwicklung von langfristigen Perspektiven frei werden. Andererseits läuft ein etabliertes Angebot stets Gefahr, träge zu werden und sich vom ursprünglichen Zweck und von der Zielgruppe zu entfernen.

Der TOJ hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, Konstanz in den Strukturen mit Flexibilität gegenüber den Bedürfnissen der Zielgruppe zu verbinden. Um diese Ziele erreichen zu können, hat der TOJ einen Rahmen für seine Angebote definiert mit den drei Bereichen Ort, Fachthemen und Organisationsstruktur.

Konstante Strukturen als Basis

Die "traditionellen" Jugendtreffs bilden mit sechs Einrichtungen (inkl. PUNKT 12) das Grundangebot des TOJ.

Sie entsprechen dem Bedürfnis der Jugendlichen, sich mit Gleichaltrigen ohne vorgegebenes Programm zu treffen. Gleichzeitig sind sie der Ort, wo Jugendarbeitende als erwachsene Bezugspersonen präsent sind. Das dabei entstehende Vertrauensverhältnis ist eine der grössten Stärken der offenen Jugendarbeit und bildet die Basis für erfolgreiche Problemlösungen in Krisensituationen.

Die Jugendbüros sind Informationsdrehscheiben für Jugendliche. Der TOJ verfügt zur Zeit über deren zwei. Das Angebot ist breiter und vielfältiger als in den Treffs. Ausschlaggebend für einen Besuch ist nicht die Gruppenzugehörigkeit, sondern ein bestimmtes Anliegen. Jugendbüros eignen sich besonders gut als Basis für aufsuchende Jugendarbeit.

Die Jugendzentren verfügen über mehr Raum und eine breitere Palette an Nutzungsmöglichkeiten als die Treffs. Sie bieten Jugendlichen die Möglichkeit, Veranstaltungen im kleinen Rahmen selber zu organisieren, ohne grosse finanzielle Risiken eingehen zu müssen. Der TOJ verfügt über ein Jugendzentrum.

Die aufsuchenden Angebote bilden ein weiteres wichtiges Element. Jedes Team ist neben der Leitung seiner Einrichtung verantwortlich für einen Stadtteil. Aufsuchende Jugendarbeit findet in den Schulen, an Quartieranlässen oder an informellen Treffpunkten der Jugendlichen statt. Unser Ziel ist es, die Arbeit im Jugendtreff und im Quartier gegenüber den Jugendlichen als Einheit zu präsentieren und unseren Bekanntheitsgrad der Jugendarbeit zu steigern. Von ihrer Arbeitszeit sind die Jugendarbeitenden während insgesamt 50% in direktem Kontakt mit Jugendlichen.

Fachthemen

Der TOJ hat im Leistungsvertrag folgende Schwerpunkte festgelegt:

- Mädchenarbeit - Ausbildung und Arbeit

- Jungenarbeit - Integration von jungen MigrantInnen

- Partizipation - Gewalt und Rassismus

- Gesundheitsförderung und Prävention - Jugendkultur

In diesen Schwerpunktbereichen arbeiten wir gezielt an der fachlichen Weiterentwicklung und bieten entsprechende Angebote für Jugendliche an.

Organisationsstruktur

Die offene Jugendarbeit krankt nach wie vor an einer hohen Fluktuation und den Schwierigkeiten, offene Stellen mit qualifizierten Fachleuten besetzen zu können. Um die Arbeitsplätze attraktiver zu machen, braucht es verbesserte Arbeitsbedingungen.

Die offene Jugendarbeit krankt nach wie vor an einer hohen Fluktuation.

- Teamarbeit

Einzelstellen und zu tiefe Pensen leisten dem "Ausbrennen" im Job Vorschub. Im TOJ beträgt deshalb der minimale Anstellungsgrad 50%, die minimale Teamgrösse liegt bei 2 Personen. Die Teams werden wo immer möglich von Zivildienstleistenden oder PraktikantInnen ergänzt.

- Personalführung

In der Jugendarbeit braucht es eine klare Personalführungsfunktion durch Personen, die über einen fachlichen Einblick verfügen. Zur Personalführung gehören Controllinggespräche und Jahresplanungen mit den Teams sowie Mitarbeitendengespräche.

- Vernetzung

Für den TOJ ist die fachliche Vernetzung mit anderen Jugendarbeitsstellen von grösster Bedeutung. Im Rahmen des Regionalverbandes VOJA (19 Mitgliedsgemeinden) beteiligt der TOJ sich an Arbeitsgruppen und Fachtagungen. Zudem ist er Mitglied des in Gründung begriffenen Netzwerks Jugendarbeit Schweiz (siehe Beilage). Unerlässlich für die Vernetzung ist ein Anschluss an Internet und e-mail.

Aufgaben in verwandten Gebieten

Die offene Jugendarbeit hat durch ihren direkten Kontakt zu Jugendlichen grosse Stärken, die auch in verwandten Gebieten genutzt werden können. Der TOJ erachtet es deshalb als sinnvoll, Aufgaben zu übernehmen, die nicht direkt in seinem Kernbereich liegen.

Im Bereich der Sekundärprävention ist der TOJ Träger des Projektes Hängebrücke, einer Tagesstruktur für gefährdete Jugendliche.

In Schulen übernimmt der TOJ Interventionen in Klassen, leitet Kurse zu Themen wie Sexualität oder Sucht und Beratungen bei der Berufswahl. Im Hinblick auf die Etablierung der Schulsozialarbeit planen wir Pilotprojekte, die eine Übernahme dieser Aufgaben durch die offene Jugendarbeit testet.
 

Erstveröffentlichung: Zeitschrift infoANIMATION, Nummer 3/01.

Herzlichen Dank an den Autor für die Publikationsgenehmigung.


jugendarbeit.ch - erstellt: 04.01.02 - geändert: 03.08.09 - © 2009 by pm